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WOLLTE BÜLOW ZURÜCKKOMMEN?
Über oder richtiger gesagt durch den Gotthard, den ich einst zu FußAnkunft überschritten hatte, führte uns der Eisenbahnzug weiter nach Italien , nachin Rom R om5 d as m ich nach zwölf Jahren wieder aufnahm. Ich habe die be-ruhigende, die heilende, klärende und aufrichtende Kraft der Ewigen Stadtnie stärker empfunden, als nachdem ich mich vom Reichskanzleramt unddamit von der Macht, dem Einfluß, der Möglichkeit, Gutes und Nützlicheszu wirken, aber auch von den Enttäuschungen, Bitternissen und Sorgendieses Amts nach menschlicher Voraussicht für immer getrennt hatte. DieRanküne des in seiner Eitelkeit verletzten Kaisers, der Heinliche Haß derParteien, die ich im Staatsinteresse bekämpft hatte, die unruhige Eifersuchtdes mit allen Kräften an seinem Posten klebenden Bethmann, die so weitging, daß er während der Kriegsjahre meinen persönlichen Verkehr imHotel Adlon durch Geheimagenten überwachen Heß, haben mir angedichtet,ich verzehrte mich in dem Verlangen, wieder in das Reichskanzlerpalaiseinzuziehen.
Demgegenüber stelleich klipp und klar die nachstehenden drei Punkte fest:
1. Ich würde, wenn ein solcher Ruf an mich ergangen wäre, jederzeitbereit gewesen sein, die Führung der Geschäfte wieder zu übernehmen.
2. So weit menschliche Voraussicht reicht, bin ich überzeugt, daß ich,vor Ende Juli 1914 zurückgerufen, den Ausbruch des Krieges verhinderthätte. Unter allen Umständen würde ich, wenn ich vor der Überreichungdes Ultimatums an Serbien um meine Meinung gefragt worden wäre,von einer solchen Dummheit mit allen Kräften abgeraten haben, wie ichden Weichensteller aufgerüttelt haben würde, den ich vor der Einfahrtzweier sich kreuzender Eisenbahnzüge schlafend angetroffen hätte. Jeden-falls und unter allen Umständen würde ich im Juli 1914 darauf bestandenhaben, daß Österreich manu militari gegen Serbien erst nach eingehenderPrüfung der serbischen Antwort durch Deutschland und mit deutscher Er-laubnis vorgehen dürfe.
3. Weder in die Situation eingeweiht noch jemals um Rat gefragt,konnte ich nicht helfen. Ich wußte aus langer Praxis zu gut, daß sich ohnegenaue Kenntnis der ganzen politischen Lage wohl kannegießern, aber keinRat erteilen läßt. Daß ich versucht hätte, nach meinem Rücktritt durchIntrigen wieder an die Spitze zu kommen, ist eine alberne Verleumdung.
In Rom nahm uns die Villa Malta auf, die ich fünf Jahre früher gekauftIn der hatte dank einer Erbschaft, die ich von einem Vetter meiner Mutter,Villa Malta Wilhelm von Godeffroy, gemacht hatte. Mein im Beginn meiner Aufzeich-nungen erwähnter Urgroßvater Martin Johann Jenisch hatte drei Töchter.Die älteste heiratete meinen Großvater Wilhelm Rücker, die zweite denhanseatischen Gesandten in Berlin Karl Godeffroy, dessen Vorfahren ausGenf nach Hamburg gekommen waren, die jüngste den gleichfalls schon