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gepanzerter Faust den Fremden Furcht einzujagen und jedenfalls ihnenzu „imponieren". Nun hat Fürst Bismarck es wiederholt als eine dervornehmsten Pflichten des deutschen Vertreters im Ausland bezeichnet,sich in seinem Wirkungskreis ein solches Vertrauen und so starkeSympathien zu erwerben, daß er auch im Falle sachlicher Differenzenzwischen dem Lande, bei dem er beglaubigt wäre, und seinem eigenenLande „als Matratze" dienen könne, welche die Stöße auffange. DerGesandte müsse ein möglichst großes Kapital von Beliebtheit an-sammeln, damit er, wenn an der Zentralstelle Dummheiten begangenwürden, von diesem seinem Schatz noch leben könne, bis bessere Zeitenkämen. Wilhelm von Humboldt hat den feinsten menschlichen Taktfür die oberste Maxime der Diplomatie erklärt. Und selbst Talleyrand ,der nicht sentimental war, meinte: „C'est la bienveillance qui fait lesgrandes affaires."
Mein Bruder sah in seinem Hause viele Schweizer . Einer von ihnen, einZüricher, erzählte mir, daß er in seiner Heimatstadt bisweilen AugustBebel begegnet sei, der dort bei seiner in Zürich an einen Arzt verhei-rateten Tochter geweilt habe. Bebel habe in seinem Beisein nach meinemRücktritt geäußert: Wenn er nicht Atheist wäre, würde er glauben, daßGott es mit der deutschen Sozialdemokratie besonders gut meine. 1890 habeFürst Bismarck gegen sie zu einem furchtbaren Schlage ausgeholt. Siewürde, wie er glaube, die Prüfung ertragen und überwunden haben; es wäreaber doch eine schwere Heimsuchung geworden. Da habe Wilhelm II. seinem großen Kanzler den Stuhl vor die Tür gesetzt, damit sich selbsteines gewaltigen Ministers beraubt und Zwiespalt in die Reihen der Nicht -sozialdemokraten getragen. Sechzehn Jahre später habe Fürst Bülow ver-sucht, der Sozialdemokratie in anderer Weise beizukommen; nicht mit derWucht und der Rücksichtslosigkeit von Bismarck , aber vielleicht in einerfür sie gefährlicheren Manier. Er habe einen Keil zwischen die Arbeiter-partei und das Uberale Bürgertum getrieben, der Sozialdemokratie mit einerzündenden nationalen Wahlparole viele Mitläufer entzogen, ihr die emp-findlichste Niederlage beigebracht, die sie in Deutschland jemals erlittenhätte. Nach seinem Wahlsieg sei er gewillt gewesen, durch zeitgemäßeReformen, durch freiwillige Zugeständnisse im Geist der modernen Ent-wicklung der Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln zu nehmen. Tat-sächlich sei seitdem, dank der geschickten Bülowschen Taktik, die Stim-mung gegenüber der Sozialdemokratie in Deutschland eine ungünstigeregeworden. Gleichzeitig hätten innerhalb der Sozialdemokratie die Revisio-nisten mehr und mehr an Boden gewonnen. „Da schmeißt Wilhelm II. auchBülow hinaus. Ja, der Hebe Gott meint es wirklich gut mit den unentwegtenSozialdemokraten."
Z Bülow TU