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ICH BIN NICHT UNDANKBAR
Wilhelms I., die Schwester des Kaisers Friedrich, mich in das Nieder-ländische Palais zu sich bitten ließ. Mit der Würde und Hoheit, aber auchmit der edlen Gesinnung und Herzensgüte, die ihr eigen waren, sagte sie zumir: „Es ist mir ein Bedürfnis, als Tochter meines Vaters und Schwestermeines Bruders, Ihnen zu danken für die treuen und ausgezeichnetenDienste, die Sie während zwölf Jahren Preußen und dem königlichenHause wie dem Deutschen Reich geleistet haben. Ich werde diese Diensteund Verdienste niemals vergessen." Die erlauchte Frau hatte viel zu vielTaktgefühl, als daß sie die Differenzen zwischen ihrem kaiserlichen Neffenund mir berührt hätte. Nur beim Abschied, als sie mir die Hand zum Kussereichte, meinte sie, indem sie das Wörtchen „ich" betonte: „Ich bin nichtundankbar."
Wenige Tage nach jener glänzenden Soiree im Potsdamer Neuen Palais,Reise Bülows mit der Wilhelm II. den zweiundfünfzigsten Geburtstag seiner Gemahlinnach Bern feierte, führte mich der Schnellzug von Berlin nach Bern , wo mein BruderAlfred seit einem Jahrzehnt das Deutsche Reich bei der Schweizer Eid-genossenschaft vertrat. Das Wiedersehen mit ihm trug dazu bei, mich inruhiger und gefaßter Stimmung zu erhalten und zu befestigen. MeinBruder war eine im wahren Sinne religiöse Natur. Mein Rücktritt erschienihm alles in allem als eine glückliche Wendung für mich, für die ich Gott dankbar sein müsse. Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Weltgewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele ? Solchen Gefahren setztenach seiner Meinung jede hohe Stellung nur zu leicht ihren Inhaber aus.
Mein Bruder erfreute sich durch seine unbedingte Zuverlässigkeit,seine aufrechte Art und sein gemütvolles Wesen großer Achtung und Be-bebtheit bei den kernigen und biederen Eidgenossen, die gerade dieseEigenschaften und solche Naturen zu schätzen wissen. Als einmal zwischenDeutschland und der Schweiz in der Gotthard-Frage Differenzen entstandenwaren, empfahl ein Vertreter des Schweizer Bundesrats im Nationalrat dieErfüllung der deutschen Wünsche damit, daß der Gesandte von Bülow sievertrete, von dem der Bundesrat überzeugt wäre, daß er ein gerechtdenkender Mann und ein guter Freund der Schweiz sei. In der nach-bismarckischen Zeit machte sich, noch dazu unter gotteslästerlicher Be-rufung auf Bismarck und unter dem Einfluß der Allüren und der WesensartWilhelms II., bei uns die Auffassung breit, es sei gar nicht die Aufgabe desdeutschen Auslandsvertreters und nicht einmal wünschenswert, daß er sichauf seinem Posten beliebt mache. Unserem klugen und geschickten Bot-schafter bei den Vereinigten Staaten , dem Baron Speck von Sternburg,wurde seine Popularität in Amerika geradezu zum Vorwurf gemacht. Eindeutscher Vertreter, hieß es, möge, statt auf Beliebtheit auszugehen, lieberdanach trachten, mit drohend gerunzelter Stirn und gelegentbch mit