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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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CAGLIOSTRO

Die Socke". Ich frug bei ihm an, ob ich ihn besuchen dürfe. Er Heß mirantworten, daß er mir nach wie vor gut gesinnt wäre, mich aber bäte, voneinem Besuche abzusehen. Ich erfuhr weiter, daß Bernhard Honig seitvielen Jahren den ganzen, in der Alma citta di Roma bekanntlich überausheißen Sommer in der Via Sistina verlebe, die Winter in Deutschland .Während der Wintersaison mißfiel ihm Rom , denn die vielen Fremdenstörten ihn. Im Sommer fühlte er sich als Herr der amoena Pincii spatia,wie es auf dem Obelisk am Pincio heißt, er pflegte die Blumen auf derTerrasse seines Hauses, erfreute sich am Gesang der Vögel, die er dort invergoldeten Käfigen unterhielt, und unternahm ab und zu in den kühlerenNachtstunden eine Fahrt in die Campagna. Diese Lebensweise sagte ihmso sehr zu, daß er jeden Besuch als eine Störung empfand. Ich bin nichtabgeneigt, anzunehmen, daß Bernhard Honig zu den wenigen wirklich zu-friedenen Menschen gehörte, die mir begegnet sind.

Die Villa Malta hat nicht nur erlesenen Geistern wie Humboldt undBonstetten ein Asyl geboten, sondern auch Abenteurer beherbergt.Cagliostro, der Schatzgräber, Zauberkünstler, Arzt, Rosenkreuzer und Frei-maurer, Alchimist und Mystiker, der in Rom zum Tode verurteilt wurde,in Paris in der Bastille gesessen hatte, der in die Halsbandgeschichte ver-wickelt war und von der Kaiserin Katharina aus Petersburg ausgewiesenwurde, der in Warschau den Polen erklärte, er habe eine Lebenstinkturerfunden, die die Menschen verjünge, der Großkophta der angeblich vonihm wieder hergestellten ägyptischen Freimaurerei, einer der größtenSchwindler des an Schwindlern so reichen achtzehnten Jahrhunderts, deraber doch die Ehre gehabt hat, die Aufmerksamkeit und das Interesse vonGoethe zu erregen, Cagliostro hat in der Villa Malta eine interessanteSeance veranstaltet, die in seinem Essay über diesen Hochstapler der Fran-zose Marc Häven wie folgt geschildert hat:Cagliostro hielt im Mai 1789in der Villa Malta , damals der Sommerresidenz der Botschafter des Mal-teser-Ordens, wiederholt Sitzungen ab. Bei einer dieser Sitzungen, deraußer dem damaligen Malteser-Botschafter, Bailli Le Tonneher de Breteuil,der französische Botschafter, Kardinal Bernis, die Fürstin Santa Croce, dieFürstin Rezzonico und andere Mitglieder der römischen Gesellschaft bei-wohnten, ließ Cagliostro ein Kind aus einer Kristallkaraffe voll Wasser dieZukunft prophezeien. Das Kind erklärte, in dem Wasser eine Straße zusehen, voll von Menschen, dieA bas le Roi!" undA Versailles!" schrien.Cagliostro rief hierauf:Das Kind sagt die Wahrheit. Binnen kurzem wirdLudwig XVI. in seinem Palast in Versailles überfallen werden, die Mon-archie wird stürzen, die Bastille geschleift werden, auf die Tyrannei wirddie Freiheit folgen."Oh", rief der Kardinal Graf Bernis,welche traurigeProphezeiung betreffs meines Königs!"Ich bedauere es", erwiderte