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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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EIN DEUTSCHER NARR

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Lebensruhe und vereinfachten Lebensfreudigkeit, soweit es mir möglichwar, zu realisieren.

Unterstützt von dem trefflichen römischen Korrespondenten derKöl-nischen Zeitung", Friedrich Noack , beschäftigte ich mich mit Vergan-genheit und Geschichte der Villa Malta . Wir entdeckten, daß zu ihrenBewohnern auch der Berner Karl Viktor von Bonstetten gehört hatte,der sich als Landvogt zu Saanen und in Nyon, als Oberrichter vonLugano und als Mitglied des Großen Rats in Bern um seine Vaterstadtwohlverdient gemacht hatte. Er war ein Schüler von Voltaire und vonJ. J. Rousseau, ein Freund von Matthisson und Johannes von Müller , vonSalis und Friederike Brun , ein geistvoller Schriftsteller und eleganterStilist, der die deutsche wie die französische Sprache gleichmäßig be-herrschte und in beiden Idiomen der gebildeten Welt seine eklektischePhilosophie predigte. In dem interessanten Aufsatz, den er Bonstetten ge-widmet hat, beschreibt Sainte-Beuve das magnifike Panorama", das jenervon der Höhe der Villa Malta genossen habe:De ce poste eleve il portason investigation sur toutes les regions de la cite, sur tous les cantons del'Agro romano, cette ceinture lugubre et splendide qui l'entoure." Hier habeder Berner sein Hauptwerk verfaßt:Le voyage dans le Latium", hier auchdie Bekanntschaft eines großen Künstlers gemacht, des Dänen Thor-waldsen. Der bewohnte schon damals in der Via Sistina das Haus, an demheute eine Marmortafel an ihn erinnert und das der Gartenterrasse derVilla Malta gerade gegenüber hegt. Wenn Ludwig von Bayern auf dieserTerrasse stand, so konnte er dem von ihm hochgeschätzten Bildhauer insein Atelier sehen, das zu ebener Erde lag. Eines schönen Morgens betrates der König, einen Orden in der Hand, den er dem Künstler an die Brustheftete mit den Worten:Ich dekoriere den Soldaten auf seinem Schlacht-felde." Den ersten Lorbeer hatte Thorwaldsen 1802 in der Villa Malta ausder Hand von Friderike Brun empfangen. Als ich beim Einzug in die VillaMalta meinen alten römischen Haushofmeister, Adolfo Libianchi, frug,wer in dem Hause gegenüber der Gartenterrasse den ersten Stock bewohne,meinte er mit einer gewissen Feierlichkeit:Qui sta l'awocato che fa isanti nel Vaticano." Er wollte damit sagen, daß dort der päpstliche Funk-tionär wohne, der bei Kanonisationsprozessen für die Heiligsprechunggegen den Advocatus Diaboli plädiere. Als ich weiter frug, wer im zweitenStock des Hauses wohne, meinte mein Maestro di Casa: sta un pazzotedesco." Es stellte sich heraus, daß dieser närrische Deutsche mein alterSchulkamerad Honig vom Pädagogium zu Halle an der Saale war, der den-selben Vornamen wie ich trug.

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Bernhard Honig führte wegen seines sanften und bescheidenen Wesensund seiner etwas zaghaften Gangart auf demPädchen" den Beinamen