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MISERABILITÄTEN
schrift in aller Form zurück. Das freute mich für den guten alten PastorEngel. An und für sich hatte der Angriff mich völlig gleichgültig gelassen.Ich dachte mit Stendhal, nebenbei gesagt neben Michel Montaigne meinfranzösischer Lieblingsschriftsteller: „La vue qu'on a des hauteurs deRome est faite pour changer en douce melancolie la tristesse la pluscolerique."
Über die innerpolitische Lage der Dinge hatte mir Herr von Huhn anläß-lich dieses kleinen Zwischenfalls geschrieben: „Schöner ist es seit EurerDurchlaucht Rücktritt in Deutschland nicht geworden, und man läßt sichhier in unerfreulichster Weise von den Ereignissen treiben, ohne zu wissen,wohin sie führen und was der schließliche Ausgang sein wird. Die Prophe-zeiung von dem nahen ,Philippi' scheint mir leider der Erfüllung immernäher gerückt." Als Kuriosum meldete Herr von Huhn mir auch, daß aufBefehl Seiner Majestät im Auswärtigen Amt eifrige Nachforschungen nachden Briefen und Telegrammen veranstaltet worden wären, von denen derKaiser behaupte, daß er in ihnen mir seinerzeit seine in Highcliffe geführtenexzentrischen Unterredungen eingehend und ausführlich mitgeteilt habe.„Natürlich hat man nichts gefunden. Wo nichts ist, hat bekanntlich auchder Kaiser sein Recht verloren."
Mein langjähriger treuer Mitarbeiter Loebell war kurz vor meinemBethmann Rücktritt auf meinen Antrag zum Oberpräsidenten von Brandenburg er-und Loebell na nnt worden, eine Stellung, für die er sich nicht nur als geborener Märker,sondern auch sonst in jeder Beziehung qualifizierte. Der treue Mann hattesich aber für mich im Winter 1908/09 so abgerackert, daß er die Stellungnicht antreten konnte, sondern für längere Zeit in einem Sanatorium seinerGesundheit leben mußte. Er hatte mehrfach meinen Nachfolger aufgesucht,um ihm in seiner loyalen Weise zu sagen, daß es eine Ehrenpflicht für ihnsei, nicht nur beim Kaiser, sondern auch öffentlich der gegen mich in Szenegesetzten Verleumdungskampagne entgegenzutreten. Er hatte ihm gesagt,daß er seine eigene Stellung durch Eintreten für seinen Vorgänger nur ver-bessern könne, aber bei dem schwachen und, wie dies bei schwachen Cha-rakteren leider nur zu häufig der Fall ist, nicht ganz aufrichtigen Beth-mann kein Verständnis gefunden.
Ich tröstete mich gegenüber solchen Miserabüitäten mit dem schönenWort von Goethe, es sei einem Talent wie August von Platen gar nicht zuverzeihen, daß er in der großen Umgebung von Rom die Erbärmlich-keiten der deutschen Literaten nicht vergessen könne. Ohne mich miteinem großen Dichter wie Platen vergleichen zu wollen, war ich dochder Ansicht, daß auch ich in Rom Besseres zu tun hätte, als mich überdie Erbärmlichkeiten zu ärgern, die die Politik nun einmal mit sichbringt. Und ich befleißigte mich, das Goethesche Ideal der genießenden