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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER LORBEER UND DIE ROSE

Belgiens gerichteten Pläne der französischen Regierung enthüllte. VierJahrzehnte später ging es leider umgekehrt. Die täppische Ungeschicklich-keit unserer damaligen Regierung ermöglichte es unseren Feinden, dieöffentliche Meinung der ganzen Welt gegen unser redliches und fried-liebendes Volk einzunehmen und aufzubringen. Ich betone ausdrücklich:Die Dummheit, nicht die Bosheit! Die Leiter der deutschen Politik imSommer 1914, das kann nicht oft genug wiederholt werden, waren keinewüsten Raufbolde, keine tückischen Brandstifter. Sie waren Stümper.Zu meinem ersten Geburtstag im Ruhestand, zum 3. Mai 1910, schriebBethmanns mir mein Nachfolger:Der kommende dritte Mai weckt in mir so viele Er-Besuch innerungen an menschliche und amtliche Beziehungen, die mich an Eurein Rom j) urc y aucn t knüpfen, daß ich in herzlicher Empfindung dankbarer Ver-ehrung meinen besten Wünschen für Ihr neues Lebensjahr Ausdruck gebe.Im Spiegel des römischen Makrokosmos wird Eurer Durchlaucht auch andiesem Tage die Fülle und der Reichtum des eigenen Lebens und deseigenen Schaffens neu aufgehen, ernst und groß und doch ruhig und heiterebenso wie in der Villa Malta neben dem Lorbeer die Rose blüht. Meine Er-innerungen an die Stunden, die ich mit Ihnen zu Ostern verleben durfte,sind zu feste, als daß sie durch das politische Gezänk, das mir die letztenWochen ausfüllte, hätten verwischt werden können." Die poetischeWendung von dem Lorbeer, der mir neben der Rose blühe, konnte inmeinen Augen nicht ganz die peinliche Empfindung verwischen, die dasmindestens schwächliche Verhalten meines Nachfolgers bei der Neu-besetzung des Brüsseler Postens in mir erweckt hatte. Ich möchteübrigens ausdrücklich betonen, daß ich getan habe, was ich konnte,um Herrn von Bethmann während des Besuches, den er Ende März 1910in Rom abstattete, einen freundlichen Empfang zu bereiten. Ich gab ihmin der Villa Malta ein großes Diner mit prominenten Italienern undrühmte dem Minister des Äußern, dem Marchese San Giuliano, dieguten Absichten und guten Eigenschaften meines Nachfolgers. Leider ohnegroßen Erfolg. Der kluge, penetrante San Giuliano fand Bethmannnaifet ennuyeux".-Mit denselben zwei Prädikaten:naif" undennuyeux"wurde der Arme zwei Jahre später in St. Petersburg charakterisiert, als erdort im Juli 1912 seinen Antrittsbesuch machte.

Bethmann hatte Flotow nach Rom mitgebracht und erschien mit ihmin unserem Hause. Flotow suchte sein unschönes Verhalten wiedergut-zumachen. Nachdem er in Rom vergeblich versucht hatte, mit mir zueiner Aussprache zu kommen, schrieb er mir zu meinem Geburtstag ausBrüssel :

Hochverehrter Fürst! Eurer Durchlaucht treibt es mich zum Geburts-tage meine respektvollsten imd gehorsamsten Glückwünsche auszusprechen.