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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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DER SCHATTEN

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Möge es uns noch lange vergönnt sein, bei der reichen Erfahrung EurerDurchlaucht Rat und Hilfe zu finden zum Besten des Vaterlandes. MeineGedanken gehen oft zu Eurer Durchlaucht; schließlich sind die BerlinerJahre nicht ohne tiefen Eindruck an mir vorübergegangen, und ich binmir vollkommen bewußt, wie unendlich viel meine politische Ausbildungdem Umstände verdankt, daß es mir vergönnt war, in solcher Nähe EurerDurchlaucht zu leben. Meine ganze Auffassung der Dinge ist dadurchmodifiziert worden, und wenn ich überhaupt in der Lage war, meinemneuen Chef einige Dienste in den Anfängen seiner Amtsführung zu leisten,so weiß ich, daß ich es dieser Schule verdanke. Aber darüber hinaus habeich Eurer Durchlaucht im Herzen nahegestanden, näher vielleicht, als Siees ahnten. Auf dieses Verhältnis war zum Schluß ein Schatten gefallen;wir wissen das beide; und ich habe sehr darunter gelitten. Aber das istinnerlich ganz überwunden, und es bleibt nur eine dankbare Erinnerung.Daß mein Weg mich gerade hierher nach Brüssel führen mußte, ist eineeigene Verkettung der Umstände, deren Ungunst heute noch unüber-wunden auf mir lastet. Diese Sache ist, in Folge einer unerwartetenStellungnahme höheren Ortes, uns ganz aus der Hand gegangen. MeineWünsche gingen bekanntlich nach einer ganz anderen Richtung, für dieman bereits an höchster Stelle den Weg gebahnt hatte. Aber wer will dieGlieder der Kette lösen und ändern, die von den Uranfängen bis herauf zuunseren Schicksalen führt! Wir wollen, wie wir wollen müssen. Ich möchtenur noch meiner Freude Ausdruck geben, Eure Durchlaucht körperlichso wohl und frisch gefunden zu haben, und mit meinen ehrerbietigstenEmpfehlungen an die Frau Fürstin schließen als Eurer Durchlaucht stetsganz gehorsamster Flotow." Mit dem Schatten, der zum Schluß auf seinVerhältnis zu mir gefallen wäre, meinte Flotow natürlich die von ihmeingefädelte Intrige, der Graf Wallwitz zum Opfer fiel. Die Behauptung, ersei halb gegen seinen Wunsch und Willen nach Brüssel versetzt worden,war eine pia oder vielmehr eine impia et impudens fraus.

Einige Wochen nach seiner Ernennung zum Gesandten in Brüsselmeldete uns Flotow seine Verlobung mit der verwitweten Gräfin MarieKeller, geborene Schahowskoy. Sie war eine Russin, Witwe des russischen Generals Theodor Keller. Ich habe, als ich anläßlich der Palästinareiseunserer Majestäten die preußische Hofstaatsdame Gräfin Mathilde Kellererwähnte, auch von dem russischen Zweig dieser deutschen Adelsfamilieund von dem im Russisch-Japanischen Kriege als Held gefallenen russischen General Graf Theodor Keller gesprochen. Der ritt während einer Schlachtzu einer Batterie, deren Offiziere Deckung in einer Weise gesucht hatten,die sie für ihre Leute unsichtbar machte. Darüber von Keller zur Redegestellt, entschuldigten sie sich damit, daß sie nicht Lust gehabt hätten,

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