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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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ES GEHT NICHT SO WEITER

Jahr später, wiederum aus dem Reichstag und wieder an seine Frau:MeinEindruck von Bethmann ist kein besserer geworden. Das ist ein Mann, dernicht über der Sache steht, sondern der, kleinmütig, ohne Frische, ohneHumor und ohne jede Spur von Genialität, von den Schwierigkeitenbedräut und bedrückt wird. Eine Gedankenarmut!! Welch ein Kontrastgegen Bülow und seine überlegene Weltanschauung! In welchen Händenist jetzt dieses aufstrebende Reich!" Die Stimmung bei den Konservativenwar nicht besser. Graf Mirbach-Sorquitten, ein strammer Konservativer,schrieb mir im Frühjahr 1912:Die derzeitige Situation ist sehr wenigerfreulich, hauptsächlich durch die Haltung unseres stets zwischen zweioder mehreren Stühlen sitzenden leitenden Staatsmannes. Mir war er, soredlich ich mich auch bemüht habe, ihn objektiv zu beurteilen, stetsunsympathisch. Es fehlt ihm der Humor und der rasche Entschluß."Aus Düsseldorf hörte ich Ende 1912, einer der hervorragendstenPessimismus rheinischen Industriellen, Kirdorf , ein schroffer Mann, aber eine un-beiAutoritäten gewöhnliche Intelligenz und ein Charakter, habe der festen UberzeugungAusdruck gegeben, daß, wenn die Dinge so weitergingen wie in den letztendrei Jahren, Deutschland nach innen und außen einer Katastropheentgegentreibe. Um dieselbe Zeit, am 30. Dezember 1912, wurde mir sogaraus dem Bethmannschen Preßbüro nach einer überaus melancholischenSchilderung der Lage und Stimmung in Berlin geschrieben:In solcherZeit fühle ich und viele andere mit mir doppelt schwer, daß Eure Durch-laucht nicht mehr auf der Bühne der Weltgeschichte wirken, sondern nurnoch im Zuschauerraum." Noch mehr beeindruckten mich die Sorgen, mitdenen selbst Harnack der Bethmannschen Politik gegenüberstand; dennder bewegliche und opportunistische Geist des Hoftheologen des KaisersWilhelm II. war kein atrox animus Catonis, und nichts lag AdolphHarnack ferner als Opposition gegen die Machthaber der Stunde, denen er,wer und wie sie auch sein mochten, gern sein Antlitz zuwandte wie derHelianthus seine Strahlenblüten und Blütenkörbe der Sonne. Er stünde,schrieb mir Exzellenz von Harnack nach dem Abschluß des Marokko-Kongo-Vertrages, dieser Wendungmit allergrößten Bedenken" gegenüber.Der für uns so ungünstige Vertrag sei offenbar aus der Meinung herausgeschlossen, daß wir fortan Frankreich zum Freunde haben würden. Daswäre aber doch ein großer Irrtum, selbst wenn eine zeitweilige Detente dieFolge sein sollte, denn die Reibungsflächen seien nicht vermindert, sondernvermehrt, und an der alten eigentlichen Reibefläche könne kein Gott etwasändern. Adolf Wilbrandt hatte schon wenige Monate nach meinemRücktritt in einem im Januar 1910 an mich gerichteten Briefe gemeint:Die politische Unreife der Deutschen feiert ihre Feste wie immer; aberauch das neue Reichsregiment macht mir einen dürftigen, nichtsverheißen-