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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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IN BEQUEMER LOGE

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den Eindruck. Oh, die schönen Bülowjahre!" Der Historiker Onckenschrieb mir um dieselbe Zeit, eingehende Beschäftigung mit der Geschichteder Nationalhberaien Partei und ihres Führers Bennigsen, dessen Lebens-bild er mir überreichte, lasse ihn immer mehr erkennen, daß ich recht hätte,wenn ich ihm bei meinem Rücktritt geschrieben habe, daß von der Po-litisierung der Liberalen und von der Modernisierung der Konservativenunsere innerpolitische Zukunft abhänge. Der Verlauf der äußeren undinneren Angelegenheiten im Deutschen Reich und in Preußen seit meinemRücktritt lenke bei manchem besorgten Mann den Blick mit einer Artvon Sehnsucht nach Rom .

Der freisinnige Professor und Abgeordnete Schulze-Gaevernitz be-dauerte, daß sowohl in der Ostmarkenpolitik wie in der Behandlung der So-zialdemokratie meinem Nachfolger meine Hand fehlekurz: mehr Bülow!"Mein ehemaliger Personaldezernent Fürst Lichnowsky schrieb über Beth-mann:Seine Biederkeit und Ehrlichkeit haben ihm Freunde gewonnen.Er rührt aber mehr, als daß er imponiert." Lichnowsky, der sich nach einerBotschaft sehnte, war kein strenger Kritiker für den amtierenden Reichs-kanzler. Aber auch der ganz unabhängige Fürst von Hohenlohe-Oehringenschrieb:Sie können nach den früher nie endenden Plackereien nunmehrwie von einer bequemen Loge die Ereignisse des Welttheaters beobachtenund dabei die Genugtuung haben, zu sehen, wie richtig der Weg war, denSie uns einst geführt, während wir jetzt leider mit Bangen in die Zukunftbücken müssen." Der Berliner Korrespondent derKölnischen Zeitung ",Herr von Huhn, hatte mir schon vor dem schlechten Ausfall der Wahlengeschrieben: Bethmann treibe in jeder Richtung eine Kunktator-Politikund scheine zu glauben, daß ihm irgendein Wunder helfen würde. Er tätenichts, um einer offenbar sehr gefährlichen Entwicklung der Dinge entgegen-zuarbeiten. Das Hege daran, daß er trotz ethischer und philosophischerUberzeugungen aus der Haut des preußischen Bürokraten nicht heraus-könne. An Allerhöchster Stelle interessiere man sich für die innere Politiknur wenig, wie man überhaupt sehr viel passiver geworden wäre. An sichwäre das ja nicht gerade ein Unglück, so aber gingen die Dinge unter demZeichen allgemeinen Mißbehagens ihren Gang. Wenn man früher, selbstunter Bismarck, gelegentlich von einer Reichsverdrossenheit gesprochenhabe, so sei jetzt eine Regierungsverdrossenheit vorhanden, die immerweitere Kreise ergreife. Man verliere wirklich jede Lust, denn alles sei garzu hoffnungslos und ledern.

Walter Rathenau schrieb:Bei dem Verlust, den wir alle durch IhrScheiden erlitten haben, kommen meine Gefühle nicht in Betracht. Siewerden aber noch weiter beschattet durch die Besorgnisse, die ich fürunsere fernere Zukunft hege. Diese trüben Gedanken lassen mich immer