DER UNWILLKOMMENE EINBLÄSER
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daß es besser werde und daß das kommende Jahr gutmache, was diesesböse machte." In einem zweiten Brief schrieb mir der alte Mechler: „Inunserem Norden trat plötzlich unerwartet ein ungewöhnlich starker Schnee-fall ein, ihm folgten ebenso ungewöhnlich warme Tage, welche die Blütender Bäume und Sträucher allzu früh entwickelten. Ein jähe eintretenderFrost vernichtete alles — und seit einigen Tagen haben wir Hitze. Naturund Pobtik wollen nicht mehr in ihren alten früheren Bahnen bleiben, undder Wetterprophet wie der Politiker haben schwere Zeiten und ein undank-bares Metier. Wäre alles in gewohntem Geleise und entwickelte sich dieWeltgeschichte folgerichtig: dann könnte ich mir wohl denken, daß EuerDurchlaucht die Weltlage ruhig ließe. Da sie aber anders verläuft, so kom-men Eurer Durchlaucht doch wohl mitunter ernste Gedanken."
Als ich durch das Rhonetal und den Simplon nach Rom zurückgekehrtwar, verdichteten sich meine sorgenvollen Erwägungen zu einem Memo- Gedankerandum. Aber: wie dies an die entscheidenden Stellen, d. h. an Kaiser und an einKanzler gelangen lassen? Ich wußte, daß Wilhelm II. auch kürzere Denk- MemorandumSchriften sehr ungern las. Hatte er doch im März 1890 das Abschiedsgesuchdes Fürsten Bismarck, ein weltgeschichtliches Dokument, kaum durch-flogen, geschweige denn meditiert. Würde nicht, hiervon abgesehen, Wil-helm II. bei seiner von Ohrenbläsern und Zwischenträgern sorgsam ge-nährten Gereiztheit gegen mich ein von mir eingereichtes Schriftstück vonvornherein mit Mißtrauen in die Hand nehmen ? Aber auch bei BethmannHollweg war leider nicht mit einer vorurteilslosen und unbefangenen Prü-fung meiner Warnungen zu rechnen. Dem selbstgerechten, von seinereigenen Vortrefflichkeit allzu überzeugten, dabei empfindlichen und weh-leidigen Kanzler war, namentlich durch das Freundespaar Jagow-Flotow,eingeredet worden, daß er sich lächerlich machen würde, wenn er sich vonseinem Vorgänger „einblasen" üeße. Gerade weil ich ihm ohne mein Ver-dienst, lediglich durch meinen Lebensgang an europäischen Konnexionenwie an diplomatischer Routine überlegen wäre, würde er, wenn er sich beimFürsten Bülow Rat hole, als „das Geschöpf" seines Vorgängers erscheinen.Und würde ein solcher Rat des Vorgängers ehrlich sein? So raunten, vonsich selbst auf andere schließend, Flotow und Jagow dem Kanzler ins Ohr.Arcades ambo. Wer gönne seinem Nachfolger Erfolge? Und selbst wennFürst Bülow wirklich gute Ratschläge erteilen könnte, so würde er einenetwaigen Erfolg für sich buchen, bei Mißerfolgen die Schuld auf die falscheAusführung des an und für sich trefflichen Ratschlags schieben. Vertrau-liche Andeutungen von Loebell wie von Schwartzkoppen ließen keinenZweifel darüber, daß Bethmann Hollweg, der seine Beförderung vom Ober-präsidenten zum preußischen Minister des Innern, vom Minister des Innernzum Staatssekretär des Reichsamts des Innern, zum Stellvertreter des