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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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KEINE PROVOKATIONEN

Reichskanzlers und Vizepräsidenten des preußischen Staatsministeriumsund damit implicite die Möglichkeit seines schließlichen Aufstiegs zumReichskanzler mir verdankte, mir gegenüber von kleinlicher Empfindlich-keit und scheuem Mißtrauen erfüllt war. Nach emphatischen, allzu empha-tischen und pathetischen Beteuerungen seiner Dankbarkeit und Verehrungfür mich hatte Bethmann in keiner einzigen konkreten Frage meinen Raterbeten. Ich konnte nach Lage der Dinge nur indirekt auf Kaiser undKanzler wirken.

Nach längerer und reiflicher Überlegung schrieb ich an den HausministerBrief Bülows Grafen August Eulenburg, der mit scharfem Verstand einen kühlen Kopf,an August vornehme Gesinnung und warmen, wachen Patriotismus verband, einenEulenburg j^j^ a u zu langen Brief. Ich begann mit der Versicherung, daß ich die Ab-sendung meines Schreibens geheimhalten, auch weder Konzept noch Ab-schrift zurückbehalten würde. Ich betonte, daß ich für mich nichts wollenoch anstrebte, ich sei saturiert. Sachlich entwickelte ich die folgenden Ge-danken. Durch unser Kneifen vor dem Stirnrunzeln von Lloyd George unddas verfehlte Kongo-Abkommen hätten wir den Ubermut der Franzosen und die bis dahin mehr latente Revancheströmung in Frankreich neu be-lebt. Im Falle ernstlicher Differenzen zwischen uns und Rußland würdeFrankreich heute nicht mehr so kurz treten wie im Winter 1908/1909. Dar-auf deutete der in Frankreich eingetretene, beachtenswerte Personen-wechsel an wichtigen Stellen: der 1912 erfolgte Aufstieg von Poincare zumMinisterpräsidenten und Minister des Äußern, noch mehr die 1913 erfolgteWahl desBon Lorrain" zum Präsidenten der Französischen Repubhk,andererseits die kaum drei Monate später erfolgte Entsendung von Del-casse als Botschafter nach St. Petersburg. Sorgsame Pflege und Schonungunserer Beziehungen zu Rußland seien also notwendiger denn je. Frank-reich sei derjenige Punkt in Europa, wo, nicht in der Masse der Bevölke-rung, aber an manchen einflußreichen Stellen, ernstlich von Kriegslust undKriegsgefahr gesprochen werden könne. Auf die Haltung Rußlands kommees in erster Linie an. Die Lage auf der Balkanhalbinsel habe sich zu unseremNachteil verschoben durch die Balkankriege, denen wir nicht rechtzeitigvorbeugten. Während die Türkei und Bulgarien geschlagen wurden, hättenSerbien und Rumänien an Macht und Einfluß gewonnen. Das sei unerfreu-lich für uns, bedenklich für Österreich-Ungarn. Es komme nun vor allemdarauf an, daß Österreich-Ungarn nicht die Nerven verliere. Es handele sichdarum, über die vorhandene Spannung hinwegzukommen, die nicht ewigdauern werde. Keine unvorsichtigen Gesten! Noch weniger Provokationen!Ich schloß mit jenem gern von mir zitierten Wort Goethescher Weisheit,an das ich während zwölf Jahren mehr als einmal Seine Majestät erinnerthatte, daß, wer sich nur heute, heute nur nicht fangen lasse, hundertmal