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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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X. KAPITEL

Politik Bcthmann Hollwegs von 1909 bis 1914 Seine Zurückhaltung gegenüber Bülowin allen politischen Fragen, Bülow wird während des Quinquenniums 1909/1911 politischvöllig ausgeschaltet Ernennung Lichnowskys zum Botschafter in London Auslän-dische Politiker zur Lage Besuch Peter Carps in Rom Krupenski Instruktion Saso-nows an Krupenski Kokowzow und Kriwoschein in Rom Der englische BotschafterSir Rennel Rodd Das BuchDeutsche Politik'

Ich habe schon erwähnt, daß mein Nachfolger seit meinem Rücktritt esnicht für nötig hielt, mich zu informieren oder gar meine Meinung einzu-Briefe holen. In den fünf Jahren, die von meinem Rücktritt bis zum Ausbruch desWeltkrieges vergingen, longum spatium aevi, fünf lange und ereignisreicheJahre, in deren Verlauf manches sich verschoben hatte, vieles anders ge-worden war, neue, zum Teil gefährliche Probleme an uns herangetretenwaren, hat Herr von Bethmann sich mir gegenüber nur in Platitüden undGemeinplätzen bewegt, hat er mir nie auch nur ein ernsthaftes Thema zurDiskussion gestellt. Auch das wenige, was der argwöhnische Mann mit mirüber Pohtik sprach, wurde in Selbstzufriedenheit und Selbstsicherheit ein-gewickelt, in lehrhaftem Tone vorgetragen. Es war schwer, ein Lächeln zuverbergen, wenn der gute Theobald die Realitäten dieser Welt in lang-atmige, von einem gewissen Unterton der Selbstüberhebung beherrschtePerioden preßte. Nie hat er in diesen Monologen er sprach, auch wenn ernur einen Zuhörer hatte, immer wie vor einem moral- und wißbegierigenAuditorium mir gegenüber auch nur angedeutet, was später nach demZusammenbruch seiner Pohtik zum Leitmotiv seiner Klagen werden sollte,nämlich daß er eine schwere, ja eine unmögliche außenpolitische Erbschaftübernommen habe. Die These, die später von seinen Offiziösen verteidigtwurde, meine Pohtik habe die Einkreisung Deutschlands herbeigeführt,hat er mir gegenüber nie vorzubringen gewagt. Er zeigte sich im Gegenteilmir gegenüber immer von starkmütigem Optimismus und von redlichemSelbstvertrauen erfüllt.

In seinen gelegentlichen Zuschriften, in denen er übrigens alsin alterund treuer Verehrung Ihr stets dankbarer Bethmann Hollweg" sich zuunterzeichnen nicht ermangelte, beschränkte sich mein Nachfolger aufakademische Betrachtungen. Er hatte mir vor den Reichstagswahlen 1912