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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DIE SÄULE DES EUROPÄISCHEN FRIEDENS

dürfe.Wenn ich trotzdem bleibe, so ist es, weil ich tatsächlich für denFrieden der Welt unentbehrlich geworden bin. Das gilt ganz besonders fürunser Verhältnis zu England . Bismarck war ein großer Mann, aber getrauthat ihm niemand. Ihr von mir hochverehrter Vetter, der Fürst Bülow , warsehr klug, sehr geschickt, aber auch ihm traute man nicht. Mir traut man!Europa traut mir, vor allem traut mir England ! Ich kann ohne Uberhebungsagen, ich bin die Säule des europäischen Friedens geworden. Deshalb istes meine Pflicht, zu bleiben, so sauer es mir auch manchmal fällt." Es warkaum ein Jahr vor dem Ausbruch des Weltkrieges, daß der BeichskanzlerTheobald von Bethmann Hollweg also zu dem Gesandten Hans AdolfBülow sprach. Gewiß ein schauerliches Symptom für die politische Un-zulänglichkeit des fünften Reichskanzlers, aber auch ein Beweis, wie fernihm friedenstörende Absichten und hinterlistige Pläne lagen. Der Mann desUltimatums an Serbien und der belgischen Invasion war, das kann nichtoft genug wiederholt werden, nicht der Wolf im Schafspelz, wie unsereFeinde behaupten; er war das Schaf, das sich im Sommer 1914 als Wolfdrapierte.

Dasstetige Vorwärtskommen mit England " hatte nicht seinen Aus-Lichnowsky druck in einem Arrangement über das Tempo der Schiffsbauten ge-Boischafter in funden, das ich bei Wilhelm II. nicht mehr durchsetzen konnte, nachdemLondon - n Ungnade gefallen war, das aber für meinen Nachfolger wohl

erreichbar gewesen wäre. Herr von Bethmann Hollweg hatte auch leiderdie Schwäche gehabt, den Botschafter in London Paul Metternich derallzu einseitigen Betrachtungsweise des Staatssekretärs Tirpitz und einerplötzlichen Laune Seiner Majestät zu opfern. Als Nachfolger für London waren nacheinander der Gesandte in Karlsruhe, Herr von Eisendecher, derGesandte in Athen, Freiherr von Wangenheim, und der frühere Botschafterin Madrid, Ferdinand Stumm, in Frage gekommen. Schließlich wurdeMarschall von Konstantinopel nach London geschickt, der, trotz der vonihm seinerzeit gebilligten und im Reichstag mit Schärfe vertretenenKrüger-Depesche, in London mit der aus gutmütiger Neugierde und einemgewissen Snobismus gemischten Freundlichkeit empfangen wurde, mit derdie Engländer gern neue berühmte Erscheinungen begrüßen, möge es sichnun um einen italienischen Tenor, eine Pariser Schauspielerin, einenindischen Nabob oder einen bekannten kontinentalen Staatsmann handeln.Als der ehrgeizige Marschall, der schon hoffte, über London sein Lebensziel,das Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße, zu erreichen, bei einemkurzen Besuch seiner badischen Heimat ebenso plötzlich starb wie vor ihmHerbert Bismarck und nach ihm Kiderlen, alle drei Opfer der Arbeit wiedes Bacchus, verfiel der Kaiser auf die Idee, den seit acht Jahren aus demdiplomatischen Dienst ausgeschiedenen Fürsten Lichnowsky nach