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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER PARAVENT

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London zu senden. Die geistreiche Frau von Muchanow pflegte zu sagen:II faut demander au bon Dieu, de ne pas exaucer nos prieres." Die Griechendrückten das noch schöner aus:Die Götter strafen uns durch die Er-füllung unserer Wünsche." Lichnowsky, der unter mir in Bukarest alsLegationssekretär gearbeitet hatte, dann von 1899 bis 1904 mein Personal-dezernent im Auswärtigen Amt gewesen war, weilte im Herbst 1912 gleich-zeitig mit mir in Hamburg im Hotel Atlantic , das unter der Ägide vonBallin und durch die Unterstützung des kleinen Pfordte, des großenGastronomen, eines der besten Hotels der Welt geworden war. Ich war imBegriff, zu Bette zu gehen, als Lichnowsky freudestrahlend in meinZimmer stürzte:Es ist erreicht!" In der Hand schwenkte er einen eigen-händigen Brief des Kaisers. Es hieß in dieser Epistel ungefähr: DerKaiser habe Lichnowsky zu Allerhöchstseinem Vertreter in London aus-ersehen. Dieser dürfe nie vergessen, daß er solche Auszeichnung seinemAllergnädigsten Herrn verdanke, nicht den Bäten vom Auswärtigen Amt .Die ihm von Seiner Majestät gestellte Aufgabe bestehe darin, viele und guteDiners zu geben, sich in Schlössern und auf Bennen zu zeigen kurz, alsa jolly good fellow" zu gelten und sich auf solche Weise recht behebt zumachen. Er solle der Paravent sein, hinter dem der Kaiser seine Flotte zuEnde bauen könne. Wäre dies erreicht, so sei der Weltfriede gesichert,dem die Lebensarbeit Seiner Majestät gelte. In Parenthese ist zu bemerken,daß eine spontanere Bekundung der Friedenshebe Wilhelms IL, der sich inBriefen an persönliche Freunde ohne Hemmungen auszudrücken pflegte,schwerhch gedacht werden kann.

Als Lichnowsky sich am nächsten Tage in Berlin beim Beichskanzlerund beim Staatssekretär meldete, wurde er nicht freundhch empfangen.Bethmann Hollweg war entsetzt, daß auf den schwierigen Botschafter-posten in London ein Diplomat gesetzt werden sollte, der bisher nichteinmal eine Gesandtschaft geführt hatte. Kiderlen sprach von einemBotschafter, der geistigein Baby" sei. Das war ungerecht. Aber gefährhchwar die Wahl. Lichnowsky war als Mensch ein vornehm denkender Kavalier,dabei herzensgut, das, was man im alten Berhn eine Seele von Menschnannte. Er hatte auch bisweilen ganz nette Einfälle. Aber er war durch unddurch Dilettant und unterschätzte als solcher die Schwierigkeiten desdiplomatischen Gewerbes wie seine Gefahren. Er war sich nicht genügenddarüber klar, daß in der Politik zwar die Gedanken leicht beieinanderwohnen, nicht aber Menschen und Dinge. Holstein, der Lichnowsky per-sönlich mochte und der ihn protegierte, sagte von ihm:Der gute Lich-nowsky glaubt, daß über eine Sache schwätzen schon so viel bedeutet alsdie Sache machen." Lichnowsky war alles in allem mehr Kannegießer alspolitischer Kopf. Er war auch nicht immer taktvoll. Er war vor allem, und