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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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EIN COUP GEGEN SERBIEN?

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Madame la Grandduchesse Marie Nikolajewna, comme malheureusementje ne la reverrai plus." Der guten Frau Krupenski wurde von dem am-tierenden Popen erlaubt, in einem vom Hals bis zu den Füßen reicbendenWollkostüm zu erscheinen, aber das Untertauchen wurde ihr nicht ge-schenkt. Als sie nach dem Ende des feierlichen Aktes den anwesendenDamen der russischen Botschaft ihre Freude aussprach, nunmehr derrussischen Kirche anzugehören, sahen diese sie verwundert an. Sie warenzufällig alle Baltinnen und Protestantinnen, die dem ganzen Vorgang ohneinnere Teilnahme beigewohnt hatten. Es war im April 1914, daß michKrupenski besuchte und mir sehr vertraulich einen Brief seines Chefs, desMinisters Sasonow, vorlas, in dem es ungefähr hieß: Man höre in St. Peters-burg, daß Österreich-Ungarn einen Coup gegen Serbien plane. Eineähnliche Absicht habe schon im Frühjahr 1913 bestanden, sei aber vonder Wiener Diplomatie infolge itahenischen Einspruchs wieder aufgegebenworden. Hoffentlich sei der Plan endgültig begraben. Ein österreichischesVorgehen gegen Serbien werde, wie die Situation in Europa zur Zeit liege,für den Weltfrieden sehr bedenkliche Folgen haben. Rußland werde einÜberrennen Serbiens durch Osterreich nicht zulassen. Die heutige Lagesei eine ganz andere als 1908/09 während der bosnischen Krisis. Damalssei Rußland durch eine Reihe früherer Abmachungen mit der habs-burgischen Monarchie über eine eventuelle Umwandlung der OkkupationBosniens und der Herzegowina in Annexion sowie durch die von Iswolski anAehrenthal in dieser Beziehung gerichteten Vorschläge und Anerbietungengebunden gewesen. Heute sei es durch keine Fessel verhindert, seineschützende Hand über die Stammes- und glaubensverwandten Serben zuhalten. Auch habe sich seit fünf Jahren die allgemeine Lage verändert undnicht zugunsten der Zentralmächte. Endlich sei während der bosnischenKrise die deutsche Politik vom Fürsten Bülow geleitet worden, der einegrößere Stellung in der Welt und insbesondere in St. Petersburg gehabthabe als sein Nachfolger, auch mehr Routine und Doigte als Herr v. Beth-mann. Herr Krupenski sei ermächtigt, wo er eine günstige Gelegenheitfinde, ernstlich vor einem unüberlegten und für den Weltfrieden gefähr-lichen Vorgehen Österreichs gegen Serbien zu warnen. Krupenski erzähltemir bei dieser Gelegenheit mit vielen Details, daß Österreich-Ungarn inder Tat schon im Frühjahr 1913 gegen Serbien habe vorgehen wollen, aberdurch Italien daran verhindert worden sei, auf dessen Seite sich damalserfreulicherweise Deutschland gestellt habe. Er bat mich, in Berlin zuwarnen, wo man doch, wie er annehme, auf mich höre und meine Rat-schläge befolge.

Ich mußte Krupenski in letzterer Beziehung enttäuschen und ihmsagen, daß man in Berlin weder meine Ratschläge wünsche noch meiner