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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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NIKOLAUS II. GEREIZT

Beurteilung der politischen Lage Wert beimesse. An diesem Prinzip habemein Nachfolger Bethmann seit nunmehr fünf Jahren beharrlich festge-halten. Ich bat den russischen Botschafter aber dringend, mit seinemdeutschen Kollegen, Herrn v. Flotow, zu sprechen und durch ihn aufBerlin einzuwirken. Als ich Krupenski einige Tage später wiedersah, sagteer mir:J'ai lu la lettre de mon chef ä Mr. de Flotow, il a fait la mouequand je suis arrive ä la fin de la lettre de Sasonow. II m'a dit qu'il lui etaitimpossible de transmettre ä Berlin une communication on louait d'unemaniere fort exageree le Prince de Bülow au detriment de son successeur,tandis qu'en realite Mr. de Bethmann etait superieur ä Mr. de Bülow.Avec Mr. de Bethmann et Mr. de Jagow au gouvernail, la politiqueallemande etait dans les meilleures mains possibles et l'Europe, la Russiey comprise, en toute securite."

Es war begreif lieh, daß Flotow seinen Chef und seinen intimstenpersönlichen Freund nicht verstimmen wollte, denn es war diesem gelungen,das Einverständnis des anfangs widerstrebenden Kaisers für FlotowsErnennung zum Botschafter in Rom zu erreichen, nachdem Jagow anStelle des verstorbenen Kiderlen Staatssekretär des Auswärtigen Amtesgeworden war. Beide Wahlen waren, wie sich bald herausstellen sollte,gleich unglücklich. Unter einem starken Reichskanzler wäre der kleineJagow als Gehilfe allenfalls erträglich gewesen. Als Dublette des unent-schlossenen, schwankenden und ängstlichen Bethmann verstärkte er dieFehler und Schwächen seines Chefs. Flotow hatte schon als Gesandter inBrüssel Schaden angerichtet. Er paßte noch weniger nach Italien , wo kleineRänkeschmiede rascher erkannt werden als anderswo.

Im gleichen Frühjahr 1914 besuchten mich in Rom zwei alte russischeKokowzow Freunde, der bisherige Finanzminister und Ministerpräsident Kokowzowund und der Landwirtschaftsminister Kriwoschein . Der erstere sagte mir,

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nwosc ein a j g ^ m j r günj-aj^ m jt maliziösem Lächern, er stelle sich mir vor als dasunschuldige Opfer der Berliner Politik. Nach einem längeren Besuch inParis, wo er sich bemüht habe, eine neue Anleihe für Rußland zu erhalten,habe er Wert darauf gelegt, sich in Berlin zu zeigen, schon um ad oculos zudemonstrieren, daß, wenn Rußland auch der Alliierte von Frankreich seiund als solcher die Franzosen anpumpe, es doch weit entfernt sei, es mitDeutschland verderben zu wollen. In Berlin seien ihm von maßgebendenStellen die liebenswürdigsten und freundschaftlichsten Versicherungen undErklärungen gegeben worden, über die er hocherfreut seinem Souveränberichtet habe. Als er nun einige Tage später in St. Petersburg eingetroffen. sei und sich bei seinem Monarchen gemeldet habe, sei er ungnädig empfangenworden. Kaiser Nikolaus II. habe ihm in gereiztem Ton und mit bitteremAusdruck gesagt:On vous a joue ä Berlin." Während er, Kokowzow, in