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DIE KRIEGSERKLÄRUNGEN
Als mir die gleichzeitig mit uns in Norderney weilende Schwester desDattin in Kaisers, die Prinzeß Victoria von Schaumburg-Lippe, sagte, ihre Schwä-
Hamburg bei gerin, die Kaiserin, habe ihr auf eine Anfrage telegraphisch erwidert, dieBülotc L a g e se i j5eme re cht ernste", verließ ich mit meiner Frau die gehebte Insel,die ich nicht wiedersehen sollte. Am 1. August erklärten wir Rußland denKrieg. In Hamburg erhielt ich im Hotel Atlantic , wo wir abstiegen, sogleichden Besuch von Albert Ballin . Er war erschüttert, nicht nur durch denKrieg, sondern fast noch mehr durch die „enorme Ungeschicklichkeit", mitder wir in den Krieg „hineingetapert" wären und die Böses für den weiterenGang der Ereignisse voraussehen ließe, falls der Kutscher Bethmann aufdem Bock bliebe. Am 3. August erfolgte unsere Kriegserklärung an Frank-reich . Am 4. August wurde ich von dem damaligen Chefredakteur des„Hamburgischen Correspondenten ", Herrn von Eckardt, angeklingelt. Ertelephonierte mir, daß England uns den Krieg erklärt habe. Ich antwortete:„Das wird der Nibelungen Not!" Am nächsten Morgen erzählten mir Ham-burger Journalisten, das Pressebüro des Auswärtigen Amtes habe bis zum1. August an die Hamburger Blätter telephoniert, sie möchten Frankreich und England schonen, da „gute Aussicht" wäre, daß beide Westmächteneutral blieben. Noch am 3. August hatte die Hamburger Presse aus Berlin die Weisung bekommen, wenigstens gegen England nichts zu bringen, das„höchstwahrscheinlich" wohlwollende Neutralität bewahren würde. Obdiese Direktiven bewußte Unwahrheiten waren oder völliger Verkennungder Lage entsprangen, habe ich nicht ermitteln können.
Am 6. August erhielt ich noch in Hamburg die Nachricht, daß mein
Karl Ulrich Bruder, der General Karl Ulrich von Bülow, Führer einer Kavallerie-von Bülotc f Division, vor Lüttich gefallen sei, getroffen von der Kugel eines Frank-tireurs. Er war ein hervorragend tüchtiger Offizier, von klarem und schar-fem Verstand, gleich gewandt mit der Feder wie mit dem Wort, sah un-gewöhnlich gut aus, war ein ausgezeichneter Reiter, kühn und uner-schrocken. In dem Briefe, in dem mir anläßlich des Todes meines Brudersmein Nachfolger Bethmann Hollweg sein Beileid aussprach, hieß es:„Wenig Menschen habe ich gekannt, bei denen sich Geist und Charakter zueinem so harmonischen Ganzen zusammenschlössen: xaXöq xal dyad-öq."Karl Ulrich hatte schon als junger Offizier bei den 1. Gardeulanen die Auf-merksamkeit seines damaligen Kommandeurs, des späteren Feldmarschallsund Chefs des Generalstabs, des Grafen Alfred Schlieffen , auf sich gezogen,der ihn mir gegenüber als „eine Hoffnung der Armee" bezeichnete „nachSchneid und Begabung". Er war ein guter Militärattache in Wien gewesen,später ein glänzender Kommandeur der 2. Gardeulanen. Nach seinem allzufrühen Tode, er war noch nicht zweiundfünfzig, tauchte, wohl infolge derdamals überall, auch an der Front, herrschenden Aufregung, das Gerücht