EIN AUFRUF
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auf, er habe Hand an sich selbst gelegt. Durch eine kaum begreifliche Kopf-losigkeit kam eine solche Meldung auch an mich, den sie natürlich tiefschmerzte. In diesen bangen Stunden war mir der damalige Prediger an derDreifaltigkeitskirche, Lahusen, mit dem mich langjährige freundschaftlicheBeziehungen verbanden, ein wahrhaft frommer und dabei milder und fein-fühlender Geistlicher, ein Trost und eine Stütze. Später stellte sich dievöllige Grundlosigkeit jenes Gerüchtes heraus. Der Ordonnanzoffiziermeines Bruders, Leutnant von Seydlitz, sagte mir, daß er seinen Generalwenige Minuten vor dessen Tode in bester Stimmung auf einer Banksitzend angetroffen hätte. Er habe mit ihm gutmütige Scherze über ein mitHonig und Butter bestrichenes Brot gemacht, das ihm eine Bäuerin gegebenhatte und das er mit gutem Appetit verzehrte. Mein Bruder hatte sich beidiesem Anlaß tadelnd darüber ausgesprochen, daß von unseren Truppenam Tage vorher eine Anzahl belgische Geistliche im Talar erschossenworden wären. Er habe Befehl gegeben, keinen Priester kurzerhand zu er-schießen, sondern sie, sofern sie im Verdacht stünden, die Bevölkerung auf-zuhetzen, zu genauer Prüfung und eventueller Aburteilung nach Aachen zuschicken. Einige Minuten später habe der General ein nicht weit entferntesWäldchen aufgesucht. Man hätte einen Schuß gehört und die Leiche aufdem Rücken Hegend gefunden, in der Hand einen Revolver, in dem einePatrone fehlte. In demselben Wäldchen wurde zwei Stunden später Leut-nant von Seydlitz selbst durch eine von einem Franktireur, der gefaßtwurde, von einem Baum aus abgefeuerte Kugel schwer am Fuß verletzt.Als die Leiche meines Bruders in Berlin eintraf, habe ich den Sarg öffnenund die Schußwunde durch den Direktor der Königlichen Charite, Ge-heimen Regierungsrat Pütter, untersuchen lassen. Er meldete mir, daß dietödliche Wunde nur von einem Flintenschuß herrühren könne, für eineRevolverkugel sei sie viel zu groß. Die Kugel wäre hinter dem linken Ohreingedrungen. Es sei ausgeschlossen, daß sich der General mit demRevolver, den er in der rechten Hand hielt, die tödliche Wunde hinter demlinken Ohr hätte beibringen können. Offenbar habe er in dem Augenblick,wo der Schuß gefallen war, seinerseits instinktiv gefeuert. Jedenfalls be-seitige die sorgfältige Untersuchung der Wunde auch den letzten Schattendes Geredes von einem Selbstmord. Ich füge hinzu, daß der General KarlUlrich Bülow ein fröhlicher Mann von heiterer Gemütsart war, mens sanain corpore sano, und daß eine schöne Zukunft vor ihm lag.
Am Tage nachdem ich die Nachricht vom Tode meines Bruders erhaltenhatte, wandten sich Hamburger Freunde mit der Bitte an mich, in dieser Kundgebungentscheidungsvollen Stunde und in so schwerer Zeit durch das Sprachrohr Bülows zumdes alten Bismarckblattes, durch die „Hamburger Nachrichten", einen Krie B^ e 6 innAufruf an Hamburg und über das Weichbild Hamburgs hinaus an unser