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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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PASTOR KÖTSCHKE

denken, wie sehr er bei dem Zusammenbruch alles dessen leide, was er inder kurzen Zeit seiner Londoner Wirksamkeit bereits erreicht hätte. Erhoffe aber doch, nicht vergeblich gearbeitet zu haben, und meine, daß esihm bald möglich sein werde, dort wieder anzuknüpfen, wo er stehen-geblieben sei. Die Stimmung dafür sei in England nicht ungünstig, ihmpersönlich gegenüber sogar günstig, denn er habe sich in England eineschöne Stellung gemacht und erfreue sich dort allgemeiner Beliebtheit.Unsere jammervolle diplomatische Führung in den kritischen Tagen vonBethmanns 1914 und insbesondere der damaüge Geisteszustand des leitenden Staats-Biograph mannes treten vielleicht am deutlichsten in einem wenig bekannten Werküber Bethmann Hollweg hervor. DasUnser Beichskanzler, sein Leben undWirken" betitelte Buch ist verfaßt von einem Pastor Kötschke. Es istzweifellos auf Grund von Material geschrieben, das dem Autor von derFamilie Bethmann zur Verfügung gestellt wurde. Darauf deuten die ge-nauen Angaben über die Jugend, die Gymnasial- und Studentenzeit, dieFamilien- und selbst die Vermögensverhältnisse des fünften Kanzlers hin.Da heißt es über jene Tage, in denen die Würfel über Reich und Volk fielen:Der Kanzler war in großer Erregung. Er hatte immer gedacht, auch seitJahren darauf hingearbeitet, daß England neutral bleiben sollte, wenn'sdoch einmal einen Krieg gäbe. Die mühevolle, kunstreiche Arbeit brachjetzt wie ein Kartenhaus zusammen, wie er zu Herrn Goschen äußerte. Daswar eine gräßliche Stunde, als der englische Botschafter zu unserem Kanzlerkam. Das hätte nicht kommen dürfen! Diese Nacht war unheimlich. Wiehätte man aber die Politik anders machen sollen, meinte der Kanzler. Ichwüßte nicht, wie ich die Staatskutsche sonst hätte lenken sollen." DasBuch des guten Pastor Kötschke, 1916 geschrieben, schließt mit der Pro-phezeiung, daß, wie der erste Kanzler in Friedrichsruh so manche Pilger-schar treuer Verehrer empfangen hätte, auch der fünfte Kanzler, der dasdeutsche Volk so glücklich durch den Weltkrieg hindurchsteuere, vomVolke gefeiert werden würde. Dann werde es in Hohenfinow heißen:Macht die Tore weit! Sie kommen, dem Vielbekämpften die Hand zudrücken." Quo promessa cadunt et somnia pythagoraea!