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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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VERBLENDUNG

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mann von der Stimmung, in der ich kaum eine Stunde früher die FürstinMarie Radziwill gesehen hatte. Bethmann, der inzwischen sein Gleich-gewicht wiedergefunden hatte, meinte lächelnd:Hochverehrter Fürst,hoffen wir, daß die erregbare und trotz ihres hohen Alters noch immer allzuhitzige Fürstin sich recht bald beruhigen wird und ihre früheren Lands-leute, die Franzosen, mit ihr. Vor allem mit England erscheint mir, bei ent-sprechender deutscher Politik, eine rasche Wiederaussöhnung in keinerWeise ausgeschlossen. Unser Kaiser ist ja noch sehr erbost gegen die Eng-länder, aber ich hoffe, wir werden Seine Majestät allmählich kalmieren."

Wenn ich heute an diese Äußerungen des Kanzlers von 1914 zurückdenke,so frage ich mich, ob in ihnen die wirkliche Denkweise von Bethmann zu-tage trat, oder ob er nur die von ihm begangenen schweren diplomatischenFehler nicht zugeben wollte. Es ist aber zweifellos, daß Bethmann imAugust 1914 so dachte, wie er zu mir sprach. Als weiteren Beleg für seineMentalität möchte ich eine Stelle aus den im übrigen dürftigen Memoirenanführen, die Baron Schön nach dem Kriege, 1921, unter dem Titel:Er-lebtes" publizierte. Schön, der von 1910 bis zum Ausbruch des WeltkriegesBotschafter in Paris war, erzählt, er habe sich nach seinem Eintreffen ausParis in Berlin bei dem Reichskanzler gemeldet. Dieser, der am Tage vorherdie englische Kriegserklärung entgegengenommen hatte, habe ihn, den ausParis heimkehrenden Botschafter, gefragt, ob er glaube, daß für Deutsch-land ein Bündnis mit Frankreich zu erreichen sein dürfte. Er, der Bot-schafter, der vierundzwanzig Stunden vorher das von Kriegsfieber, Kriegs-lust und Haß gegen uns geschüttelte Frankreich verlassen hatte, habe er-widert : Ein deutsch -französisches Bündnis scheine ihm unter zwei Voraus-setzungen denkbar: erstens, daß Deutschland den Krieg nicht in franzö-sisches Land trage; zweitens, daß wir Frankreich sehr glimpflich behan-delten, vor allem im Ehrenpunkt, vielleicht ihm sogar eine Grenzberich-tigung auf lothringischem Boden einräumten. Die Verblendung von Kanzlerund Botschafter erinnerte mich an die Illusionen, mit denen 1870 Gramontgegen Deutschland ins Feld gezogen war. Als unser damaliger Botschafterin Paris , der Freiherr von Werther, vor seiner Abreise von dem franzö-sischen Minister des Äußern, dem Herzog von Gramont, Abschied nahm,hatte ihm dieser die Hand mit den freundlichen, tröstenden Worten ge-reicht:Nous nous reverrons bientot, mon eher Baron. Nos souverains selivreront quelques galantes batailles, puis ils s'embrasseront et nous rede-viendrons les meilleurs amis du monde."

Im Hochsommer 1914 bewegte sich auch unser Botschafter in London ,Fürst Lichnowsky , selbst nach dem Ausbruch des Krieges in kindlichenIllusionen. Als bereits englische Truppen gegen uns im Felde standen,erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mir schrieb, ich könne mir gewiß