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JA, WER DAS WÜSSTE!"
Französische Verwandte föchten im französischen Heer. Was sie aus Frank-reich höre, erschrecke sie. Die Erregung, der Haß, die Wut gegenDeutschland wären dort weit ärger als 1870. Die allgemeine Parole sei:„Cette fois nous les tenons, ce sera la grande revanche!"
Eine Stunde nach dem Besuch der Fürstin Radziwill empfing mich Beth-mann Holl weg im Gartensalon des Reichskanzlerpalais, der in Bismarck-scher Zeit als Billardzimmer gedient hatte und später in einen Büroraumverwandelt wurde, in dem im Hochsommer die Reichskanzler zu arbeitenpflegten. Bethmann stand mitten im Zimmer. Sein Bück, der Ausdruckseiner Augen bleibt mir unvergeßlich. Im 3. Buch Mose wird von demSündenbock gesprochen, dem Aaron seine beiden Hände auf das Hauptlegt und auf den er alle Missetat der Kinder Israel bekennt, alle ihre Uber-tretungen, alle ihre Sünden, um ihn dann in die Wüste laufen zu lassen.„Daß also der Bock alle ihre Missetat auf sich in eine Wildnis trage; undman lasse ihn in der Wildnis." Es gibt ein berühmtes Bild, wenn ich nichtirre, von einem englischen Maler, das diesen unglücklichen Bock darstellt,mit einem unbeschreiblich hilflosen und traurigen Ausdruck der Augen.Aus dem Blick von Bethmann sprach Ähnliches. Wir schwiegen beide.Dann frug ich ihn: „Nun sagen Sie mir bloß, wie ist dies alles gekommen ?"Bethmann hob seine langen Arme gen Himmel, dann antwortete er mitdumpfer Stimme: „Ja, wer das wüßte!" Bei den Diskussionen über dieSchuldfrage habe ich bisweilen bedauert, daß nicht eine Momentaufnahmedes deutschen Kriegskanzlers vom Sommer 1914 gemacht wurde in demAugenblick, in dem er so zu mir sprach. Ein solches Bild würde den bestenBeweis dafür liefern, daß dieser unglückselige Mann den Krieg nicht ge-wollt hat.
Nachdem er sich einigermaßen gefaßt hatte, sagte er mir mit raschen,sich überstürzenden Worten: „Es wird ein heftiges, aber kurzes, sehr kurzesGewitter werden. Ich rechne mit einer Kriegsdauer von drei, höchstens vonvier Monaten und habe darauf meine Politik eingestellt. Und dann kofieich, trotz dem Krieg und gerade durch den Krieg zu einem wirklich freund-schaftlichen, vertrauensvollen, loyalen Verhältnis zu England zu kommenund durch England auch zu Frankreich. Eine deutsch-englisch -französischeGruppierung wäre ja die beste Garantie gegen die von dem barbarischenrussischen Koloß der europäischen Zivilisation drohenden Gefahren. Ichhabe die Ehre gehabt, unter Ihnen, hochverehrter Fürst, den innerpoliti-schen Block zwischen Konservativen und Liberalen mitzumachen. Jetztgilt es noch edleren Zielen! Ich darf es sagen: Ein außenpolitischer Kultur-block zwischen England, Deutschland und Frankreich wird noch bedeu-tungsvoller, wohltätiger und ersprießlicher sein." Erstaunt, ja bestürztdurch eine solche Verkennung der tatsächlichen Lage, erzählte ich Beth-