DAS GORGONENHAUPT
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Quertreibereien führen. Kein Mensch würde es verstehen, warum ich imAugust ohne amtliche Funktion, ohne klar umschriebene Mission Rom auf-suche, wo ich, seitdem ich Privatmann sei, nie den Hochsommer verlebthätte. Unter solchen Umständen könnte meine Anwesenheit in Rom nurschaden, jedenfalls nichts nützen. „Das habe ich mir gleich gedacht",meinte der Kaiser, „ich habe das auch Bethmann und Jagow geant-wortet. Unter uns gesagt, die beiden haben gar keine Lust, Sie nach Rom zu schicken, da müssen wir wohl den Gedanken aufgeben." Die eigentlicheFrage selbst, die Frage, wie wir operieren müßten, um Italien und Rumä-nien an der Stange zu halten, berührte der Kaiser mit keinem Wort. Offen-bar war er sorgsam von Bethmann instruiert worden, der fürchten mochte,ich könne die nach seiner Meinung fein gelegten Netze seiner Politik stören.Als der Chef des Generalstabes, der Generaloberst von Moltke , demKaiser gemeldet wurde, entließ er mich mit freundschaftlichem Hände-druck. Nachdem er fortgegangen war, drehte er sich noch einmal um undwinkte mir zu, mit demselben traurigen Gesicht, mit dem er mich begrüßthatte. In der Ferne sah ich die hohe Gestalt und das gleichfalls kummer-volle Gesicht des Generalobersten von Moltke . Die alten Griechen würdenvon beiden, vom Kaiser und vom Generalstabschef, gesagt haben: sie sähenaus, als ob sie das Haupt der Medusa erblickt hätten, das schrecküchblickende Gorgonenhaupt, das sich auf der Ägis befindet, auf dem vonHephästos geschmiedeten Schilde des Zeus , den der Vater der Götter undMenschen schüttelt, wenn er Sturm und Entsetzen erregen will.
Am nächsten Tage suchte ich meinen Nachfolger auf. Unmittelbar vor-her war die Fürstin Marie Radziwill bei uns gewesen. Eine Tochter des Im Reichs-französischen Marschalls Castellane, war sie in früher Jugend nach Berlin kanzlerpalaisgekommen, aber immer Französin geblieben. Ihr Gatte, der Fürst AntonRadziwill , der Enkel einer preußischen Prinzessin und GroßnefFe des helden-haften Prinzen Louis Ferdinand , hatte erst als Adjutant, später als General-adjutant dem alten Kaiser Wilhelm nahegestanden. Durch ihn hatteKaiser Wilhelm I. in Ems unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges mitFrankreich dem französischen Botschafter Benedetti mitteilen lassen, erhabe ihm weiter nichts zu sagen. Kaum bei uns in den Salon eingetreten,brach die Fürstin Radziwill in Tränen aus. Sie habe schon einmal, vierund-vierzig Jahre früher, einen deutsch -französischen Krieg erlebt und sei da-durch in schmerzliche Seelenkonflikte gekommen. Jetzt aber würde es nochviel schlimmer werden: ihre älteste Tochter, Betka, sei mit dem öster-reichisch-polnischen Grafen Roman Potocki verheiratet, ihre andereTochter, Helene, mit dessen jüngerem Bruder, dem russisch -polnischenGrafen Joseph Potocki. Ein Sohn von ihr sei wegen der russischen Besitzungen der Familie Radziwill in russischen Militärdienst getreten.
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