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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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BÜROKRAT UND PROFESSOR

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in den Händen weniger Männer. In erster Linie führte Bethmann die mitdem Ultimatum an Serbien eingeleitete Politik. Bethmann hatte mir, wieich seinerzeit erzählte, als er meine Nachfolge antrat, mit redlichem oderaufgeblasenem und jedenfalls naivem Ausdruck gesagt, er habe der aus-wärtigen Politik bisher fremd gegenübergestanden. Er hoffe sich aber mitEifer und Fleiß in sie einzuarbeiten. Er vergaß hierbei die vom FürstenBismarck oft ausgesprochene Wahrheit, daß die Diplomatie kein Hand-werk sei, das man mit den Jahren erlerne; sie sei überhaupt weniger eineWissenschaft als eine Kunst. Im Juli 1914, wo er schon fünf Jahre im Amtewar, glaubte Bethmann die diplomatische Kunst zu beherrschen.Weralles weiß", sagt die Weisheit der Brahmanen,der ist seüg zu preisen.Wer nichts weiß, dem kann geholfen werden. Aber wer halb weiß, an demwird Brahma selbst zum Knecht." In Wirklichkeit war Bethmann zuschwerfälligen Geistes, um je auf diplomatischem Gebiet glänzen zu können.Weder sein Lebensgang noch sein Naturell qualifizierte ihn zum Diplo-maten.

Als ich im Kriegswinter 19151916 in Berlin weilte, pflegte ich oftmeine Abende beim Fürsten Guido Henckel-Donnersmarck zuzu- Beim Fürsten bringen, dem ich während meiner Pariser Dienstzeit, in der ersten Hälfte Donnersmarck der achtziger Jahre nähergetreten war. Er hatte inzwischen seine ersteGattin, die Paiva, durch den Tod verloren. Er hatte Paris verlassen, erhatte sich rangiert, er war von Wilhelm IL, der ihn lange als Bismarckianergehaßt und verfolgt hatte, dem aber sein riesiger Beichtum imponierte, inden Fürstenstand erhoben worden. Er hatte sich in Berlin niedergelassenund bewohnte mit seiner zweiten Frau, einer geborenen Bussin, die einegute Deutsche geworden war, am Pariser Platz ein seinen Vermögensver-hältnissen angemessenes prächtiges Appartement. Der schon fünfund-achtzigj ährige Fürst war einsilbig geworden, aber er war ein Mann vonreicher Erfahrung und klarem Blick. Er kannte die Menschen, und erkannte die Welt. Er hatte die Gewohnheit, wenn er vom Fürsten Bismarck sprach, dem er während vieler Jahre nahestand, ihn mit feiner Ironie einennicht unbegabten Politiker" oder aucheinen Staatsmann von Erfahrung"zu nennen. An einem mir unvergeßlichen Abend sagte der alte FürstDonnersmarck zu mir:Ein Staatsmann von einiger Erfahrung, der FürstBismarck , äußerte einmal vor mir, das Deutsche Beich könne jeden Reichs-kanzler vertragen, nur nicht einen Bürokraten." Henckel verfiel daraufin Schweigen. Nach einigen Minuten fuhr er fort:Ein nicht unbegabterPolitiker, Otto Bismarck , meinte einmal in meiner Gegenwart: ,Wir ver-tragen jeden Kanzler, nur nicht einen Professor'." Wiederum schwieg derFürst von Donnersmarck. Dann mit einem Seufzer:Jetzt haben wir einenReichskanzler, der beides ist, Bürokrat und Professor." Der bürokratischen