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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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KOPFLOSIGKEIT

Art von Bethmann entsprach es, daß er die Bearbeitung der Ultimatums-Angelegenhcit, auch nachdem sie zu einer schweren Krisis geführt hatte,sich selbst vorbehielt. Er wollte damit, wie er im Verlauf der Krise gegen-über einem seiner Mitarbeiter äußerte, seinProbe- und Meisterstück" inder diplomatischen Kunst ablegen. Er hat speziell für die nach London gehenden Telegramme nicht nur persönlich die Direktiven erteilt, sondernsie zum Teil selbst konzipiert. Der professorale Zug in seinem Wesentrat darin zutage, daß er mit eigensinnigem Doktrinarismus an der Vor-stellung festhielt, er habe sich durch seine Ehrlichkeit und Loyab'tät diesichere Freundschaft und zuverlässige Unterstützung von England er-worben und, auf sie gestützt, keine große Konflagration zu befürchten,zumal der russische, selbstherrschende und orthodoxe Zar für die serbischenVerschwörer und Königsmörder nicht das Schwert ziehen würde. Als nachund nach alle diese Vorstellungen sich als Illusionen und Träumereien er-wiesen und Bethmann Hollweg, ihm selbst völlig unerwartet, vor einemAbgrund stand, verlor er den Kopf. Seitdem glich er dem Ertrinkenden,der nach jedem Strohhalm greift, während er mehr und mehr den Bodenunter den Füßen verliert und der Atem ihm ausgeht. Seine Kopflosigkeitging schließlich so weit, daß er am Vorabend des Tages, an dem wir Ruß-land den Krieg erklärten, den englischen Botschafter, Sir Edward Goschen,in das Reichskanzlerpalais beschied und ihm ä brüle pour-point einunderstanding" zwischen Deutschland und England proponierte. Das trugihm zunächst eine sarkastische Vorantwort des Botschafters ein und amnächsten Tage von dem englischen Minister des Äußern, Sir EdwardGrey , eine scharfe persönliche Zurechtweisung. In der Antwort, die derenglische Minister auf das seltsame Bündnisangebot des deutschen Kanzlerserteilte, war von einembargain" die Rede, einem Schacher,a disgracefrom which the good name of this country would never recover".

Während Bethmann Hollweg mit ungeschickten diplomatischen Schach-Staatssekretär zügen das Reich der schwersten Kriegsgefahr aussetzte, in der wir uns seitDelbrück meur a ls vierzig Jahren befunden hatten, traf er keinerlei Vorbereitungenfür den Ernstfall. Wieder und immer wieder muß darauf hingewiesenwerden, daß Bethmann den Krieg nicht wollte. Bei ihm wie bei seinen Mit-arbeitern lag kein Dolus vor, sondern nur Stultitia. Der Staatssekretär desInnern, der verständige Clemens Delbrück , war Ende Juni 1914 sehrüberarbeitet auf Urlaub gegangen. Am 9. Juli kehrte er, getrieben voninnerer Unruhe, die ihn seit dem Attentat von Sarajewo beherrschte, nachBerlin zurück und suchte noch am selben Abend Bethmann auf, der ihn indie gesamte politische Lage einweihte, wie er sie auffaßte. Es war der Tag,an dem der Staatssekretär Jagow den österreichischen BotschafterSzögyenyi-Marich empfing, der ihm den Dank des Wiener Kabinetts für die