„ES GIBT JA KEINEN KRIEG!"
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Bereitwilligkeit aussprach, mit welcher der Deutsche Kaiser und derdeutsche Kanzler Österreich für die gegen Serbien geplante Exekution ihrevolle Unterstützung zugesagt hätten. Jagow quittierte diesen Dank damit,daß er den Österreichern mögüchst schneidiges Vorgehen anempfahl. Alser den Staatssekretär Delbrück über die Situation informierte, fügte Beth-mann erläuternd hinzu, daß er den Inhalt des von Österreich geplantenUltimatums an Serbien nicht kenne. Er sei jedoch mit Jagow derMeinung, daß es im Falle kriegerischer Verwicklungen zwischen Österreich und Serbien gelingen werde, den Brand zu „lokalisieren". Als Delbrück dieFrage an den Kanzler richtete, ob es sich nicht empfehle, die seit Jahr undTag für einen Kriegsfall in Aussicht genommenen Maßnahmen zu treffenund vor allem Getreide ankaufe in Rotterdam vorzunehmen, erwiderteBethmann, es sei nicht angängig, von deutscher Seite irgendwelche Schrittezu unternehmen, die als Vorbereitung zu einem Krieg gedeutet werdenkönnten. Delbrück möge übrigens noch mit Herrn von Jagow sprechen.Am nächsten Tage suchte Delbrück den Staatssekretär Jagow auf, derebenso wie Bethmann alle wirtschaftlichen Vorsorgemaßregeln für die Zivil-bevölkerung als „vollkommen überflüssig" bezeichnete. Dem Staatssekretärdes Äußern wie dem Kanzler waren die Anfragen des Staatssekretärs desInnern augenscheinlich unbequem. Wie Clemens Delbrück mir bald nachherselbst erzählt hat, deuteten ihm während seiner ersten Anwesenheit inBerlin , Anfang Juli 1914, der Kanzler wie der Staatssekretär des Äußernan, daß die politische Lage seine Anwesenheit in Berlin in keiner Weiseerfordere. So ging Delbrück von neuem in Urlaub und traf erst am 24. Juliwieder in Berlin ein. Wegen etwaiger Getreideankäufe in Rotterdam warinzwischen nichts geschehen. Der Reichsschatzsekretär Kühn hatte die ge-forderten Kredite mit den Worten abgelehnt: „Es gibt ja keinen Krieg!"Erst nach wiederholtem Drängen Delbrücks beim Kanzler Bethmannwurden die erforderlichen Gelder angewiesen, inzwischen war aber derRotterdamer Markt von unseren Gegnern ausgekauft worden. Im Gegen-satz zu Bethmann hatte Clemens Delbrück von Anfang an mit einer län-geren Kriegsdauer gerechnet. Schon deshalb erfüllte ihn die in den erstenKriegsmonaten an der Front und in der Heimat getriebene Verschwendungmit schweren Sorgen. Er forderte die sofortige Erfassung und Rationierungaller Lebensmittel, drang aber mit seinen Vorschlägen bei Bethmann Holl-weg nicht durch. In Berlin war die unverständige, jedenfalls in hohemGrade gewagte österreichische Ultimatumsaktion zugelassen worden, ohnedaß für den Ernstfall Vorbereitungen getroffen wurden. In Paris dagegenhatte schon im Januar 1914 die Stadtverwaltung beschlossen, mit Hilfenamhafter Aufwendungen, in die sie sich mit allen Militärbehörden teilte,die Mehlvorräte von Paris so weit zu erhöhen, daß die Stadt während der