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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DIE ZEIT DRÄNGT!

Verkehrssperre einer eventuellen Mobilmachung keinen Mangel zu leidenbrauche. Der Militärgouverneur von Paris, General Michel , erklärte beidiesen Beratungen:Die Zeit drängt, dieses Jahr ist ein besonderes Jahr.Wir wissen nicht, was es uns bringen kann. Wir wissen nicht, ob wir nichtim März oder April Mobilmachung haben werden."

Während Bethmann und Jagow, alles andere eher als kühne Männer, imDie Kriegs- Grunde beide ängsthche Naturen, ihre unvorsichtige Politik mit der Harm-vorbereitung losigkeit von Kindern betrieben, die im Walde Pilze suchen, machten sichin Paris p' ranzosen keine Illusionen über den Ernst der europäischen Gesamt-lage. Am 20. Februar 1914 sagte, wie aus den nach dem Kriege erfolgtenamtlichen Veröffentlichungen hervorgeht, der französische Botschafter inBerlin, Jules Cambon, zu dem belgischen Gesandten Beyens: Die Mehr-zahl der Deutschen wie der Franzosen wünsche in Frieden zu leben, aberin beiden Ländern träume eine mächtige Minorität nur von Schlachten undEroberungen oder Revanchekämpfen.Darin hegt die Gefahr, neben derman wie neben einem Pulverfaß leben muß, dessen Explosion durch eineUnvorsichtigkeit hervorgerufen werden könnte." Am 10. März berichteteder belgische Gesandtem Paris, Herr Guillaume, seiner Regierung, es wärefür niemand ein Geheimnis, daß der Sturz des chauvinistischen KabinettsBarthou dem Präsidenten Poincare peinlich gewesen sei. Der Präsidentsehe in dem Sturz von Barthou einen Mißerfolg seiner eigenen, militaristi-schen und nationalistischen Politik, die er systematisch verfolge seit demTage, wo er als Ministerpräsident an die Spitze der Regierung getreten sei.Hand in Hand mit Delcasse, Millerand und einigen anderen, predige Poin-care unablässig die militärische und politische Wiederaufrichtung Frank-reichs und bemühe sich gleichzeitig, die russische Regierung mißtrauischgegen Deutschland zu machen und sie für den Gedanken eines gemein-samen Krieges gegen Deutschland allmählich zu gewinnen.

Bei gespannter internationaler Lage konnten wir natürlich gar nichtvorsichtig genug sein, mußte die Berliner Politik mit Umsicht und Be-sonnenheit geleitet werden. An der Aufrechterhaltung des Friedens hattekein Land ein größeres Interesse als Deutschland. Baron Beyens, der wiedie Mehrheit seiner Landsleute damals den Krieg, und nun gar einen Welt-krieg, sicherlich nicht wünschte, sondern fürchtete, übersandte am 12. Juni1914 anläßlich des Sturzes des Ministeriums Barthou und der Einführungder dreijährigen Dienstzeit in Frankreich seiner Regierung einen längerenBericht. Nach einigen tadelnden Bemerkungen über dieschlecht unter-richteten" Herren Poincare und Barthou, die in übereilter Weise die drei-jährige Dienstzeit in Frankreich durchgesetzt und damit die in der Weltherrschende Unruhe noch verstärkt, den überall aufgehäuften Zündstoffnoch vermehrt hätten, hieß es in diesem Bericht:Die Mehrheit des fran-