FALKENHAYN
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zösischen Volks will gewiß keinen Krieg, und Deutschland braucht diesenKrieg nicht. In wenigen Jahren wird ein Gleichgewicht der Kräfte zwischenden beiden Nachbarn nicht mehr möglich sein. Deutschland braucht sichnur zu gedulden, braucht nur im Frieden seine wirtschaftliche und finan-zielle Macht zu steigern, braucht nur die Wirkung seines Geburtenüber-schusses abzuwarten, um ohne Widerspruch und ohne Kampf in Zentral-europa zu dominieren." Das war eine durchaus zutreffende Beurteilung derLage, eine Auffassung, von der ich selbst während meiner ganzen Amtszeitgeleitet wurde. Unser Interesse war der Friede. Wir hatten bei einemKrieg, und nun gar bei einem Weltkrieg, viel mehr, sehr viel mehr zuverlieren als zu gewinnen. Der von mir erwähnte Bericht des Baron Beyens schloß mit einem erneuten Tadel gegen Poincare und Barthou , die klügerdaran getan hätten, mit größerer Kaltblütigkeit die Frage zu prüfen, obes kern besseres Mittel zur Wahrung des Friedens zwischen Frankreich undDeutschland gäbe als einen solchen Wettbewerb der Rüstungen und einederartige Erhöhung der Präsenzstärke, deren Lasten Frankreich nicht solange zu ertragen fähig sei wie Deutschland. Unser armes Deutschland glich, schlecht gesteuert, dem guten Schiff, das nach langer, wechselvollerFahrt, unmittelbar bevor es den Hafen erreicht, an einer Klippe scheitertund untergeht.
Die Sorglosigkeit, mit der Kaiser Wilhelm an dem Gängelband derWiener Politik in den Weltkrieg hineinstolperte, war nicht geringer als die Sorglosigkeitseines Kanzlers und seines Staatssekretärs des Äußern. Am Abend jenes » n Berlin verhängnisvollen Tages, an dem der Kaiser Österreich volle Unterstützungfür seine abenteuerlichen Pläne gegen Serbien zugesagt hatte, informierteder hohe Herr den Kriegsminister von Falkenhayn über die österreichischeDemarche und frug ihn, ob das Heer für alle Fälle bereit sei. Falkenhayn bejahte diese Frage, indem er die Hacken zusammenschlug und die Handan den Helm legte, mit einem strammen „Zu Befehl, Eure Majestät!"Begreiflicherweise erkundigte sich der Kriegsminister gleichzeitig, obirgendwelche militärischen Vorbereitungen zu treffen wären. Der Kaiserlehnte solche Vorbereitungen ausdrücklich ab und wünschte dem Kriegs-minister einen vergnügten Sommer. Am nächsten Tage empfing er, un-mittelbar bevor er zum Antritt seiner Nordlandreise, seiner letztenNordlandreise, nach Kiel fuhr, die Vertreter des Generalstabs, des Admiral-stabs und des Reichsmarineamts und teilte ihnen mit, daß Österreich dieSerben wegen des Mordes von Sarajewo zur Rechenschaft ziehen werde.Größere kriegerische Verwicklungen seien aber nicht zu erwarten. Eserübrige sich daher, irgendwelche militärischen oder maritimen Vor-bereitungen zu treffen. — Ich habe soeben Wilhelm IL, Bethmann undJagow mit harmlosen Kindern verglichen, die im Walde Pilze suchen. Noch