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HORRIBILE DICTU
zutreffender wäre der Vergleich mit törichten Knaben, die mit einer Granate6pielen, ohne zu wissen, daß sie geladen ist und bei täppischer Berührungexplodieren kann.
Wenn Bethmann die Entschuldigung hatte, daß er tatsächlich vonDirektiven Diplomatie und auswärtiger Politik nichts verstand, so konnte der Staats-Jagows gekretär von Jagow nicht einmal diese mildernden Umstände geltendmachen. Er gehörte schon an zwanzig Jahre dem diplomatischen Dienst an.Weit entfernt, den Kanzler von ungeheuerlichen Fehlern abzuhalten,bestärkte Jagow seinen Chef durch seine blinde Vorhebe für das „aristo-kratische" Österreich in allen Dummheiten. Auch Jagow glaubte (horribiledictu) nicht entfernt an die Möglichkeit eines Krieges. Er hatte fünf Tagevor der Übergabe des Ultimatums, am 18. Juli 1914, an den Botschafterin London ein Schreiben gerichtet, um ihn über die gegen Serbien geplanteAktion zu orientieren. Österreich , hieß es in diesem Schreiben, wolle sichendlich und endgültig mit seinem kleinen Nachbarn Serbien auseinander-setzen und habe dies in Berlin zur Kenntnis gebracht. Wir könnten unddürften Österreich nicht in den Arm fallen. Wir müßten aber trachten, denKonflikt zwischen Österreich und Serbien zu lokalisieren. Je entschlossenersich Österreich zeige, je energischer wir es stützten, um so eher werdeRußland still bleiben. Einiges Gepolter in Petersburg werde zwar nichtausbleiben, aber im Grunde sei Rußland noch nicht kriegsbereit. Frank-reich und England würden jetzt auch keinen Krieg wünschen. NachdemJagow dann die seit Jahrzehnten bekannten und trotz Bismarck immerwiederholten Scheingründe für einen prophylaktischen Krieg noch einmalins Feld geführt hatte — Rußland werde in einigen Jahren schlagfertigersein als jetzt, inzwischen werde die deutsche Gruppe immer schwächer, dasSlawentum immer deutschfeindlicher—, erklärte er trotzdem: „Ich willkeinen Präventivkrieg; aber wenn der Kampf sich bietet, dürfen wir nichtkneifen. Ich hoffe und glaube auch heute noch, daß der Krieg sich lokali-sieren läßt!" Am Schlüsse des Briefes wurde Lichnowsky angewiesen,darauf hinzuwirken, daß die englische öffentliche Meinung sich nicht fürSerbien erhitze. Man müsse in dieser Richtung tun, was irgend möglich sei,obwohl von Sympathie und Antipathie bis zur Entfachung eines Welt-brandes doch noch ein weiter Weg wäre. Wenn Sir Edward Grey logisch undehrlich sei, müsse er der kaiserlichen Regierung beistehen, den Konflikt zulokalisieren. So Jagow am 18. Juli an Lichnowsky. So derselbe Jagow amselben Tag zum bayrischen Geschäftsträger Schön, dem Neffen des Bot-schafters, als der Vertreter des zweitgrößten Bundesstaates im Auftrageder bayrischen Regierung ihm mitteilte, der russische Gesandte in München ,Herr von Boulatzeff, habe dem Grafen HertHng „ä titre d'ami" durcheinen Vertrauensmann wörtlich sagen lassen: „La Russie ne permettra