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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DAS GREMIUM

und einer Tochter des fernen Guatemala , wagte während der Ultimatums-Krisis überhaupt nicht, eine eigene Meinung zu äußern. Er hat an ein-flußreicher Stelle im Hochsommer 1914 nichts verhindert und wollte auchgar nichts verhindern, da es ihm darauf ankam, an keiner Stelle anzustoßen.Es ist ihm in der Tat gelungen, sich während des Weltkrieges nicht nurbei seinen verschiedenen Vorgesetzten, sondern, was für ihn viel wichtigerwar, bei dem Abgeordneten Erzberger zu empfehlen. Als im Laufe desKrieges die Macht des Buttenhausers immer höher stieg, erschien dieserfast täglich auf dem Auswärtigen Amt und verlangte die Ein- undAusgänge zu lesen. Da selbst der schwache Bethmann dem indiskreten,oft völlig hemmungslosen Matthias Erzberger , der noch dazu alles, was erhörte und erfuhr, dem Nunzius in München schrieb, nicht sämtliche Arcanaimperü zugänglich machen wollte, wurde der Geheime Legationsrat vonBergen für die Aufgabe bestimmt, Erzberger zu empfangen, ihm möglichstwenig zu zeigen, aber dafür sein Geschwätz und seine Kannegießereienwährend ein bis zwei Stunden zu ertragen. Bergen benutzte die auf dieseWeise mit Erzberger gewonnene Fühlung dazu, durch seinen bei allenFehlern im Grunde gutmütigen Protektor den Gesandtenposten beim Päpst-lichen Stuhle zu erreichen.

So war das Gremium beschaffen, das das Deutsche Reich und dasdeutsche Volk in den Weltkrieg hineinführte. Der größte Fehler dieserblinden Leiter unseres Schicksals war, daß sie, wie ich schon hervorhob,niemanden zu Rate zogen, niemandem einen Blick in ihre Absichten, inihre verfehlten Schachzüge gestatteten. Ich zweifle keinen Augenblickdaran, daß, wenn nach dem Attentat von Sarajewo Bethmann Holl wegund seine Mitarbeiter den damaligen Gesandten beim Päpstlichen Stuhleund langjährigen Unterstaatssekretär Mühlberg oder den Botschafter inWashington, Bernstorfr, oder den Grafen Brockdorff-Rantzau , oder Rosenoder Mumm, oder den erfahrenen, speziell in allem, was England betraf,sehr erfahrenen, die englische Politik ruhig und nüchtern beurteilendenGrafen Paul Metternich um Rat gefragt hätten, alle diese Herren Bethmannund Konsorten in den Arm gefallen wären, ihnen Vernunft gepredigt habenwurden. Wenn ich, der ich seit meinem Rücktritt, seit fünf Jahren, durchBethmann Hollweg politisch ganz ausgeschaltet war und mich daher imUnglückssommer 1914 in völliger Unkenntnis seiner Absichten und Plänebefand, um meine Meinung gefragt worden wäre, so würde ich zunächstfestgestellt haben, ob man in Berlin wirklich einen prophylaktischen Kriegwolle.

Wäre diese meine Frage bejaht worden, so würde ich auf denmonumentalen Erlaß hingewiesen haben, den am 16. Februar 1887 derStaatssekretär Graf Bismarck im Auftrage des Reichskanzlers an den