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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER VORBEUGENDE KRIEG

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kaiserlichen Botschafter in Wien, den Prinzen Heinrich VII. Reuß, richtete Bismarck überund in dem es heißt:Der Herr Reichskanzler hat Ew. Durchlaucht ge- den Präventiv-fälligen Bericht Nr. 99 vom 4. ds. Mts. mit Interesse gelesen und es als kriesvollkommen korrekt bezeichnet, daß Ew. Durchlaucht Ihrem russischenKollegen erklärt haben, wir würden einen Krieg niemals aus demGrunde führen, weil es früher oder später wahrscheinlich doch zu einemsolchen kommen würde. Niemand kann der göttlichen Vorsehung so weitvorgreifen, um dies mit unbedingter Sicherheit zu behaupten. Es könnensich im Laufe der Zeit allerhand unberechenbare Vorfälle ereignen, die denAusbruch eines Krieges verhindern." Im gleichen Sinne hat Fürst Bismarckin einem oft zitierten Immediatbericht gegenüber seinem alten Herrn denPräventivkrieg überhaupt kategorisch und grundsätzlich abgelehnt.Ichwürde", führte Fürst Bismarck aus,noch heute wie 1867 in der Luxem-burger Frage Ew. Majestät niemals zureden, einen Krieg um deswillensofort zu führen, weil es wahrscheinlich ist, daß der Gegner ihn später,besser gerüstet, beginnen werde. Man kann die Wege der göttlichen Vor-sehung dazu niemals sicher genug im voraus erkennen." Ich würde an dieSchärfe erinnert haben, mit der, wie ich bei meiner Besprechung desHerbstmanövers in der Rheinprovinz, 1905, ausführbch erzählte, FürstBismarck meinen alten Regimentskameraden und Freund, den damaligenMilitärattache in Wien , Major von Deines, zur Ordnung rief, als dieser beiihm in den Verdacht geraten war, die Österreicher zum Vorgehen gegenRußland zu ermuntern. Als bei Fürst Bismarck der gleiche Argwohn gegenden Chef des Generalstabs, den Grafen Alfred Waldersee , aufstieg, schriebder große Kanzler an den Chef des Militärkabinetts, den General vonAlbedyll: die deutsche Politik habe die Aufgabe, den Krieg wenn möglichganz zu verhindern, gehe das nicht an, ihn doch zu verschieben. An eineranderen Politik würde er, Fürst Bismarck , nicht mitwirken können. Ichwürde vor allem immer wieder daran erinnert haben, daß Fürst Bismarck wiederholt einen kriegerischen Konflikt zwischen Österreich und Rußland als die unter mancherlei Möglichkeiten für uns allerunerwünschtesteMöglichkeit bezeichnet hatte. Ich nehme an, daß Bethmann und seineMitarbeiter mir erwidert haben würden, der Gedanke eines prophylaktischenKrieges läge ihnen fern. Sie glaubten aber, daß ein Krieg zwischenÖsterreich-Ungarn und Serbien sichlokalisieren" lassen würde. Daraufhätte ich natürlich entgegnen müssen, daß eine solche Annahme eiue sehrgefährliche Illusion wäre, die nur aus Unkenntnis der russischen, derfranzösischen, der englischen, der ganzen Weltverhältnisse hervorgehenkönne. Rußland werde und könne Österreich nicht erlauben, eine Straf-expedition gegen die Serben in Szene zu setzen. Wenn diplomatisch nichtsehr vorsichtig operiert würde, könnte der so geschaffene Antagonismus

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