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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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EIN KURZES GEWITTER"

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habe nicht die Kraft besessen, seine bessere Einsicht gegen mancherleiWiderstände durchzusetzen. Im Reichsschatzamt 6eien kleinliche undengherzige Ressortbedenken erhoben worden, die in einer solchen Lebens-frage natürlich in den Hintergrund treten mußten. Bethmann Hollweg seikein Kanzler, der nach großen Gesichtspunkten urteile und seine Ent-schlüsse energisch durchzudrücken wisse. Bei unserm Alliierten sei nochmehr versäumt worden. Österreich-Ungarn, dem zuliebe wir zum Schwertgriffen, sei infolge seiner zerfahrenen inneren Verhältnisse und unterschwachen und immer schwächer werdenden Regierungen mit seinenmilitärischen Rüstungen und Heeresvermehrungen weit, sehr weit unterder Grenze des Möglichen gebheben.

Wedel wies auch schon im August 1914 darauf hin, daß die Entente,die das Meer beherrsche, bessere Möglichkeiten habe, sich zu verpro-viantieren, als das dicht bevölkerte und auf eine erhebliche Nahrungs-mitteleinfuhr angewiesene Deutschland . Die Entente besitze für dieVermehrung und Ergänzung ihrer Heere und ihres Kriegsbedarfs größereund ergiebigere Quellen als Mitteleuropa . Wedel, und ich teilte dieseseine Auffassung, glaubte nicht wie Bethmann Hollweg, daß der Kriegnicht lange dauern, daß der nunmehr ausgebrochene Weltkrieg nureinkurzes Gewitter" sein würde. Wir fragten uns beide, ob der auf großeWarenimporte eingerichtete Bau der deutschen Volkswirtschaft einerlangen Kriegsdauer widerstehen würde. Ich gab der Besorgnis Ausdruck,daß bei der Unbeholfenheit und gleichzeitigen Schwäche unserer politisch-diplomatischen Leitung Italien, Rumänien und schließlich sogar die Ver-einigten Staaten sich unseren Gegnern anschließen würden. Wedel be-dauerte auch, daß in so ernster Zeit zwischen Diplomatie und Generalstabdie enge Fühlung, die ich wie mit Schlieffen so auch mit Moltke unterhaltenhätte, nicht mehr bestände. Das Verhältnis zwischen Bethmann Hollwegund Moltke sei mehr als kühl. Beide seien empfindliche Naturen undschlössen sich mehr als gut voneinander ab.

Während seiner Unterredungen mit dem Generalstabschef hatte Wedelmit Besorgnis wahrgenommen, daß dessen Gesundheitszustand nicht der Telegrammbeste war. Moltke hatte ihm erzählt, daß er einen schweren Ohnmachts- Lichnowskysanfall erlitten habe infolge eines politischenMißverständnisses", das aller- üheT Neutraldings die Kopflosigkeit und das ganze Durcheinander unserer damaligen jg**^^Leitung in wahrhaft erschreckender Weise zutage treten Heß. Am 1. August,also einen Tag nach Verhängung desZustandes drohender Kriegsgefahr"über Deutschland , wenige Stunden vor der Erklärung der endgültigenMobilmachung, war ein Telegramm des deutschen Botschafters in London eingetroffen. Fürst Lichnowsky hatte in diesem Telegramm gemeldet,England sei bereit, die Neutralität Frankreichs zu garantieren, wenn