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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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LICHNOWSKYS MISSVERSTÄNDNIS

letzteres nicht von Deutschland angegriffen würde. Diese Meldung war vonKaiser Wilhelm wie vom Kanzler Bethmann nicht nur mit einem tiefenSeufzer der Erleichterung, sondern mit fast jubelnder Freude aufgenommenworden, die ebenso für beider Friedensliebe wie für ihre politische Ahnungs-losigkeit sprach. Der Kaiser ließ sogleich den Chef des Generalstabskommen und befahl ihm, den Aufmarsch gegen Frankreich zu stoppen; dieganze Armee solle sofort die Front gegen Rußland nehmen. Als Moltkedarauf hinwies, daß durch diesen Eingriff völlige, heillose Unordnung mitunberechenbaren Konsequenzen hervorgerufen und die ganze Mobil-machung gestört werden würde, wurde er vom Kaiser hart angelassen, dereinen seiner Flügeladjutanten anwies, der bereits auf Luxemburg mar-schierenden sechzehnten Division den direkten Befehl Seiner Majestät zuübermitteln, augenblicklich haltzumachen. In Ubereinstimmung mitBethmann, der triumphierend ausrief, er habe sich also doch nicht in denEngländern getäuscht, richtete der Kaiser ein Telegramm an den KönigGeorg von England, in dem er den englischen Vorschlag mit Freude undDank annahm. Wenn England sich mit seinen Streitkräften für die Neutrali-tät Frankreichs einsetze, übernehme er, Kaiser Wilhelm , die Verpflichtung,die französische Grenze bis zum 3., abends 7 Uhr, nicht zu überschreiten.In der Nacht vom 1. zum 2. August traf beim Kaiser die Antwort seinesVetters, des Königs von England, ein. König Georg erklärte, daß er dieVorschläge des Kaisers überhaupt nicht verstünde; es könne sichnur um ein grobes Mißverständnis des deutschen Botschafters handeln.

In der Tat hatte Fürst Lichnowsky eine telephonische Mitteilung ausdem Foreign Office nicht richtig verstanden. Statt nun, wie es das ABCdes diplomatischen Handwerks gebot, so rasch wie möghch Sir EdwardGrey aufzusuchen, um sich Gewißheit zu verschaffen, hatte der durchdie Krisis der letzten Tage völlig demoralisierte Botschafter ohne weiteresdas vermeintliche Neutralitätsangebot Englands nach Berlin gemeldet.Der Kaiser, der, als die Antwort des Königs Georg in Berlin eintraf, schonim Bette lag, wurde mit dem betrüblichen Telegramm seines Vettersdurch seinen Leibjäger, den treffhehen Schulz, aus dem ersten Schlummergeweckt. Er ließ sogleich Moltke kommen, empfing ihn in Unterhosen undsagte ibm, daß es mit dem englischen Neutralitätsanerbieten leider nichtssei, die Mobilmachung müsse ihren Fortgang nehmen. Moltke versichertedem Fürsten Wedel, daß die durch dieses kaum glaubliche Quidproquohervorgerufene Erschütterung ihm den Lebensnerv durchschnitten habe.Er habe plötzbeh die Empfindung gehabt, vor einem Abgrund zu stehen.Er habe das Gefühl, damals einen Schlagfluß erlitten zu haben. Gewißeine Übertreibung, aber ein Zeichen, daß der arme Moltke physisch undpsychisch ein schwerkranker Mann war.