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„BETET FÜR UNS!"
Die Mülhausen, Saarburg, Neufchäteau, an der Maas und bei Monts, bei Charleroi,Marneschlacht Maubeuge, Saint-Quentin. Wir hörten, daß die Ulanen schon die Türme vonParis , daß sie schon den Eifelturm vor sich sähen. Aber bald nachher hatteWedel einen jüngeren Offizier gesprochen, der, als der Vormarsch inUnordnung geraten war, in den ersten Tagen des September dienstlich beiMoltke gewesen war. Er war entsetzt über das Aussehen des Chefs desGeneralstabes, der, als er bei ihm eintrat, gebrochen an seinem Tisch saß,das Gesicht in beide Hände vergraben. Als er auf blickte, sah der Besucherin ein bleiches, von Tränen überströmtes Antlitz. Ein oder zwei Tage späterhörte Wedel aus der Umgebung der Kaiserin, sie hätte von ihrem hohenGemahl ein Telegramm erhalten: „Betet für uns!"
Es wäre eine Anmaßung von meiner Seite, wenn ich mir in strategischenFragen ein Urteil erlauben wollte, weil ich einst als Husarenleutnant vordem Zuge geritten bin. Bei unbegrenzter Liebe und Treue für die Armee,deren Uniform ich ein halbes Jahrhundert trug, bin ich mir meiner Un-zuständigkeit in dieser Richtung durchaus bewußt. Ich meine aber, daßauch der Laie das Recht hat, nachstehendes zu sagen: Große Konzeptionen,politische wie strategische, lassen sich nicht im voraus auf dem Papierfestlegen, um dann Jahre nachher in die Tat umgesetzt zu werden. SolcheKonzeptionen sind keine Heringsware, die man einpökeln kann auf einigeJahre. Das hat niemand häufiger und schärfer betont als Bismarck.Napoleon I. hat nicht selten vorher getroffene Dispositionen geändert, wenn. er, auf dem Schlachtfeld eingetroffen, während das Gefecht schon im Gangewar, sich vor eine neue Situation gestellt sah. Kriegs-Führung und Politikwären einfacher und leichter, als sie in Wirklichkeit sind, wenn der zumHandeln berufene Staatsmann oder Feldherr nur eine Schublade aufzu-ziehen brauchte, um dort ein für jeden Fall passendes und Erfolg ver-sprechendes Rezept zu finden. Der Plan, den der geniale Graf AlfredSchlieffen eine Reihe von Jahren vor Ausbruch des Weltkrieges ersonnenhatte, konnte Anregungen und Fingerzeige, er konnte sogar die großenRichtlinien der Kriegs-Führung geben. Er durfte nicht als ein Ukas auf-gefaßt und behandelt werden, der nun blind und mechanisch ausgeführtwurde. Auch hier gilt das Wort des Apostels, daß der Buchstabe tötet unddaß nur der Geist lebendig macht und lebendig erhält. Dem Geist desSchlieffenschen Planes aber wurde Moltke II untreu in wesentlichen undlebenswichtigen Punkten, wie dies die militärische Kritik seitdem nach-gewiesen hat und wie das auch der Laie begreift.
Es zeigte sich, wie berechtigt die Zweifel und Besorgnisse gewesen waren,die der arme Moltke im September 1905 mir gegenüber zum Ausdruckgebracht hatte, als wir um den Wasserturm am Hippodrom ritten, als ermir auseinandersetzte, wie schwere Bedenken er gegen die Übernahme der