MACCHIAVELLI
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für den Kriegsfall mit einer so ungeheuren Verantwortung verbundenenStellung des Chefs des Generalstabs empfinde. Es zeigte sich, welche Ge-fahren es in sich barg, daß Wilhelm II. Posten, von deren richtiger Be-setzung Sieg oder Niederlage, Aufstieg oder Untergang, Wohl und Wehedes Reiches abhingen, nach persönlicher Sympathie oder Antipathie zubesetzen geneigt war. Ein reiner und lauterer Mensch, mit den besten Ab-sichten, gewissenhaft und pflichttreu, Idealist durch und durch, gehörteder Neffe des großen Schlachtendenkers, des Organisators der Siege vonSadowa und Sedan, in die Reihe jener unglücklichen Feldherren, die vonMardonios und Varus bis zu Benedek und Trochu das Mitleid aller mensch-lich Empfindenden erwecken, die aber vor dem Richterstuhl der Geschichtenicht bestehen.
Als der Rückzug unserer Heere amtlich in der Form zugestandenwurde, daß wir unseren rechten Flügel „zurückgebogen" hätten, machte Belgisich Fürst Wedel, der manche guten militärischen Verbindungen hatte,keine Illusionen darüber, daß der deutsche Angriffsplan vereitelt wordenwar. Ich stimmte mit ihm darin überein, daß damit unser Einmarschin Belgien als ein ungeheuerlicher Fehler erscheinen mußte. Es gibtAktionen, die nur zu verteidigen sind, wenn sie reüssieren. Dann kannmanchmal das Wort des Macchiavelli zutreffen, daß auch eine schlimmeHandlung nützlich, segensreich und gut erscheine, wenn sie gelinge. Cosafatta capo ha! Aber eine zweifelhafte Handlung, die scheitert, ist schwererzu rechtfertigen. Als es uns weder gelang, den durch das Ultimatum anSerbien provozierten Konflikt zu lokalisieren, wie Bethmann und Jagowdies erwartet hatten, noch mit dem Einmarsch in Belgien den französischenWiderstand rasch und endgültig zu brechen, lag es auf der Hand, daß wiruns moralisch ins Unrecht gesetzt hatten, ohne einen entsprechendenrealen politischen Gewinn zu erzielen. „Quand on fait des crasses, il fautcra'elles reussissent", pflegte meine geistreiche Petersburger FreundinMissy Durnow zu sagen.
Daß unser Einmarsch in Belgien und damit verbunden die Verletzungder Souveränität und Neutralität Belgiens und von uns unterzeichneterund während eines Jahrhunderts von aller Welt respektierter Verträge einSchritt von der allergrößten politischen Tragweite war, konnte nichtzweifelhaft sein. Verschärft wurde dieser Fehler durch die ungeheuerlicheRede, die Bethmann Hollweg am 4. August 1914 im Reichstag hielt.Selten oder nie hat ein für die Sicherheit und Zukunft eines großenVolkes verantwortlicher Staatsmann in einem Augenblick weltgeschicht-licher Entscheidung eine ungeschicktere, eine unglücklichere, eine unheil-vollere Rede gehalten. Vor dem eigenen Lande und vor der ganzen Welterklärte der deutsche, nicht etwa der französische oder belgische leitende