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EIN VERHÄNGNISVOLLES WORT
Staatsmann, daß wir mit dem Einmarsch in Belgien ein Unrecht begingen,daß aber Not kein Gebot kenne. Die Stunde, in der ich diese Rede las, wirdmir unvergeßlich bleiben, denn selten in meinem Leben habe ich einensolchen Seelenkrampf empfunden. Ich verstand, was die Leute aus demVolke, was die Kinder meinen, wenn sie sagen: „Das Herz stand mir still."Ich fühlte, daß wir uns mit dieser programmatischen Erklärung a priorialle Imponderabilien verscherzt hatten, daß wir nach dieser unqualifizierbareinfältigen Rede die öffentliche Meinung der ganzen Welt gegen uns habenwürden. Und am Abend desselben Unglückstages, des 4. August 1914,bezeichnete der deutsche Reichskanzler in seiner Unterredung mit demenglischen Botschafter, Sir Edward Goschen, die internationalen Verträge,auf denen die Neutralität Belgiens beruhte, als einen Fetzen Papier, unchiffon de papier, a scrape of paper. Seit jenem 15. Juli 1870, wo demfranzösischen Ministerpräsidenten, Emile Ollivier , im Pariser Corps legis-latif das Wort cceur leger entfuhr, war kein verhängnisvolleres Wortgesprochen worden. Ollivier, der in öffentlicher Parlamentssitzung von demleichten Herzen gesprochen hatte, mit dem er in den Krieg zöge, bliebnichts anderes übrig, als den, übrigens mißlungenen, Versuch zu machen,sich in einem dickleibigen Buch zu diskulpieren. Für Bethmann Hollweg,der seine Dummheit unter vier Augen von sich gegeben hatte, lag die Sacheerheblich einfacher und leichter. Man brauchte wahrhaftig kein Macchiavellizu sein, um zu begreifen, daß, wenn Bethmann Hollweg seine unseligeÄußerung in einem Augenblick seelischen Zusammenbruchs wirklichgemacht hatte, die Staatsräson und die höchsten Interessen der Nationihm geboten, sie umgehend und kategorisch dementieren zu lassen. Esstand Behauptung gegen Behauptung, der Negation kam der gleiche Wertzu wie der Affirmation. Bethmann durfte das deutsche Volk nicht mit diesemfürchterlichen Wort belasten, das die Entente während des ganzen Welt-krieges und bis zum Frieden von Versailles mit systematischer Ausdauerder öffentlichen Meinung der Welt einhämmerte, um Deutschland alsruchlosen Vertragsbrecher hinzustellen und einem solchen Volke gegenüberbesondere Schutzmaßnahmen als notwendig erscheinen zu lassen. Mandenke sich Bismarck , man denke sich auch nur Talleyrand oder Metternichin einer solchen Situation! Wie ganz anders war die Haltung, die FürstClemens Metternich gegenüber einem Napoleon in der berühmten DresdenerUnterhaltung von 1813 zur Schau trug, wie anders das Auftreten desFürsten Talleyrand in seiner von ihm selbst in seinem bekannten Berichtan Louis XVIII wiedergegebenen Unterredung mit Kaiser Alexander I. 1814, während des Wiener Kongresses: Metternich ganz der Grandseigneur,der nie aus der Fassung gerät, Talleyrand der geschickte Diplomat, dersich mit Takt, mit Aplomb und in guter Form aus jeder Affäre herauszieht.