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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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WAHN

kranke Pferd." Auf dem Gerippe waren bildlich alle Krankheiten angegeben,von denen ein armes Roß befallen werden kann, vom Rotz bis zur Strahl-fäule. In der Hochschule für Politik, die für die Ausbildung unsererkünftigen diplomatischen Beamten vor einiger Zeit ins Leben gerufen wurde,sollte ein Spezialkursus eingerichtet werden, der an den von der deutschenPolitik im Hochsommer 1914 begangenen Fehlern den Schülern zeigt, wieDiplomaten es nicht machen dürfen, der die Stümperei von BethmannHollweg und Jagow dem diplomatischen Nachwuchs als abschreckendesBeispiel vor Augen führt: Hier seht, wie ihr es nicht machen sollt, wie ihres nicht machen dürft! Bethmann und Jagow täuschten sich im Sommer1914 in allem und jedem. Sie täuschten sich in der von ihnen voraus-gesetzten Zugkraft der Mordtat von Sarajewo , die, wie sie fälschlich an-nahmen, alle Mächte an die Seite Österreichs führen würde. Gegenüber derrussischen Mentalität war, wie ich dies Bethmann vorausgesagt hatte, dieseZugkraft von vornherein sehr gering. Und auch im Westen versagte sie,als dort die Übertreibungen, die Schroffheit und Plumpheit der öster-reichischen Forderungen und Pläne zutage traten. Die Leiter unsererauswärtigen Politik täuschten sich in Italien und in Rumänien , die sie zuübertölpeln und zu überrennen dachten, die sich aber mit Rußland undFrankreich hinter sich und gestützt auf den Wortlaut der Dreibunds-verträge weder überbsten noch einschüchtern ließen. Bethmann und Jagowtäuschten sich vor allem in England . Bethmann hat jedermann, demKaiser Wilhelm II. wie dem Bundesrat, dem österreichisch-ungarischenBotschafter wie den deutschen Vertretern im Auslande versichert, wirkönnten mit Sicherheit darauf rechnen, daß England wenigstens im erstenStadium des Krieges neutral bleiben würde. Wahn, überall Wahn. Wieich schon hervorhob, bestand der wohl allergröbste Fehler der vier oderfünf Personen, die uns ins Verderben führten, darin, daß sie Beschlüssevon solcher Tragweite in der Dunkelkammer des Auswärtigen Amtsfaßten, ohne irgend jemand um Rat zu fragen, weder erfahrene Diplomatennoch kluge Männer des wirtschaftlichen Lebens, wie Albert Ballin, ArthurGwinner, Emil Rathenau, Max Warburg, Karl Fürstenberg, Paul vonSchwabach. Seufzend sagte mir Albert Ballin im zweiten Jahr des Welt-krieges:Wenn ich im Sommer 1914 etwas gewußt hätte von dem, wasBethmann Hollweg und Jagow vorhatten, wenn ich eine Ahnung gehabthätte von dem geplanten Ultimatum und der in Aussicht genommenenStrafexpedition gegen Serbien, so würde ich auf alle Fälle Deutschland wenigstens rechtzeitig mit Getreide vollgepumpt haben." Das Ungeschick,Die Weltkrise mit dem unser Comite nicht de Salut pubhc, sondern de Catastrophedurch das publique die durch das Ultimatum hervorgerufene Weltkrisis weiterUltimatum behandelte, spottete jeder Beschreibung. Die englischen Ver-