BERLINER UND WIENER KABINETT
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mittlungsvorschläge wurden a limine abgelehnt, verschleppt odersabotiert.
Ich wiederhole noch einmal: Nicht als ob die Lenker der deutschen Politik den Weltkrieg gewollt hätten, sondern weil sie sich törichterweise Die Noteeinbildeten, es werde ihnen gelingen, eine österreichische Strafexpedition an Serb ' e "zur „Züchtigung" Serbiens in Szene zu setzen, ohne daß es zu einemeuropäischen Kriege käme. Dadurch wurde nicht nur die Gefahr des vonPoincare und Delcasse, von Paleologue und Cambon, von den englischenJingoes wie von dem Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch und den monte-negrinischen Großfürstinnen gewünschten Weltbrandes gesteigert, sondernwir kamen in den unberechtigten und tatsächlich ganz unbegründetenVerdacht, den Krieg gewollt und absichtlich herbeigeführt zu haben.Während das deutsche Volk ehrlich davon überzeugt war, daß es das Opfereines heimtückischen Uberfalls geworden sei, hielt uns die ganze Weltfür den Brandstifter, der mit dem Ultimatum an Serbien die Fackel in daseuropäische Pulverfaß geschleudert und überdies durch die Verletzung derbelgischen Neutralität einen unerhörten Bruch beschworener Verträge wiedes Völkerrechts begangen habe. Während wir nicht für eine zugkräftigeParole gesorgt hatten, um die öffentliche Meinung der Welt auf unsereSeite zu bringen, lieferten wir durch unsere ungeschickte Politik unserenFeinden zwei Argumente, mit denen sie die Weltmeinung für sich ge-wannen: daß das große Österreich das kleine Serbien überfallen und daßDeutschland durch seinen Einmarsch in Belgien das internationaleVölkerrecht verletzt hätte. Unsere ungeschickte Propaganda tat das übrige.Wir leugneten, daß wir den Inhalt des Ultimatums gekannt hätten. Nunmußten wir aber selbst zugeben, daß der österreichisch-ungarische Ministerdes Äußern, Graf Berchtold, am 21. Juli vormittags die Note an Serbien unserem Botschafter Tschirschky zugestellt hatte. Wenn Tschirschkydiese Note, deren Tragweite ihm doch nicht einen Augenblick zweifelhaftsein konnte, sogleich durch einen seiner Beamten nach Berlin schickte, solag sie am 22. Juli vormittags auf dem Tisch des Beichskanzlers und desStaatssekretärs.
Wir hatten also noch achtzehn Stunden Zeit, die Übergabe des Ulti-matums in Belgrad aufzuhalten, die erst am 23. Juli, nachmittags sechs Uhr,erfolgte. Wobei zweierlei nicht zu vergessen ist: Erstens, daß das Aus-wärtige Amt den Inhalt des Ultimatums in Wirklichkeit schon früherkannte, wie dies aus dem bekannten Bericht des bayrischen Geschäfts-trägers in Berlin , des Legationsrats von Schön, und aus einer ebensobekannten, gleichzeitigen Äußerung des bayrischen MinisterpräsidentenHertling gegenüber dem französischen Gesandten in München , HerrnAllize, hervorgeht. Übrigens ist noch die Frage, was politisch der schlimmere
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