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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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GRAF LEOPOLD BERCHTOLD

Fehler gewesen wäre: dem Wiener Kabinett die Absendung einer derartigenNote an Serbien in voller Kenntnis ihres Inhalts zu erlauben oder Österreich-Ungarn einen Blanko-Wechsel für seine Politik gegenüber Serbien auszu-stellen. Der kluge Ballin hat mir mehrmals gesagt, daß er die zweiteAlternative für die noch größere Dummheit hielte. Wenn er die Absichthabe, seinem Sozius zu erlauben, ihr gemeinschaftliches Kapital in MonteCarlo auf Rot oder Schwarz, Pair oder Impair zu setzen, so wolle erwenigstens selbst dabei sein, wenn sein Kompagnon den Coup riskiere. Daßer aber seinen Sozius allein nach Monte Carlo reisen lasse und desseneigenem Ermessen alles Weitere anheimstelle, sei das Allerdämlichste. Nochunverzeihlicher war, ich muß auch dies wiederholen, daß Bethmann undJagow, nachdem sie Zeit gehabt hatten, das Ultimatum gründlich zustudieren, nicht wenigstens in Wien kategorisch erklärten, der Abbruch derdiplomatischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien undgar ein militärisches Vorgehen Österreichs gegen Serbien dürfe keinesfallserfolgen, bevor wir die serbische Antwort sorgsam geprüft hätten. ImGegenteil: Je gefährlicher die Situation sich zuspitzte, um so mehr gerietenBethmann und Jagow, Wilhelm Stumm und Diego Bergen in immergrößere, schließhch blinde Abhängigkeit vom Wiener Ballplatz, wo GrafLeopold Berchtold thronte. Bei Jagow spielte hierbei, wie ich schon an-deutete, kleinjunkerliche Voreingenommenheit für dieehrwürdige undheilige" habsburgische Monarchie mit. Den anderen Mitgliedern der BerlinerZentrale, die das waren, was adliger HochmutRoturiers" nennt, im-ponierte ein Vollblutaristokrat, Vliesritter und großer Kavalier wie Berch-told, der einen Rennstall hielt, glänzende Jagden gab und von sich zu sagenpflegte, daß es für ihn als Minister nur zwei wirklich angenehme Augenbhckegäbe: den Moment seiner Ernennung, wo er als Nachfolger des Fürsten Clemens Metternich und des Fürsten Felix Schwarzenberg die Glück-wünsche seiner Standesgenossen entgegengenommen habe, und den Tag,wo er seinen Abschied einreichen werde, um sich nur noch der Jagd undseinem Rennstall zu widmen. Von einem solchen Schwachmatikus ließensich Bethmann und seine Mitarbeiter in Krieg und Verderben verstricken.Ohne den Krieg zu wollen, nur aus Einfältigkeit.

Nur einmal im Laufe jener verhängnisvollen Entwicklung hat sich1908undl914 Bethmann Hollweg zu einer einigermaßen klaren Verwahrung aufgerafft,als er am 29. Juli von Österreich die Wiederaufnahme der abgebrochenendirekten Besprechungen mit St. Petersburg mit den Worten forderte:Wirsind zwar bereit, unsere Bündnispflicht zu erfüllen, müssen es aber ab-lehnen, uns von Wien leichtfertig und ohne Beachtung unserer Ratschlägein einen Weltbrand hineinziehen zu lassen." Nachdem Bethmann, Jagowund mit ihnen leider auch Wilhelm II. von Anfang an Österreich Carte