DAS SIMILE
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blanche gegeben und es in seinem weiteren Vorgeben bestärkt und er-muntert hatten, mußte diese um zehn Tage verspätete Warnung wirkungs-los verpuffen.
Es scheint, daß Bethmann der Gedanke vorschwebte, meine Taktikwährend der bosnischen Krisis, die sich fast sechs Jahre vor dem Welt-krieg abgespielt hatte, mit dem Ultimatum an Serbien nachzuahmen.Nun gibt es aber in der auswärtigen Pobtik nichts Bedenklicheres, als, ummit dem Fürsten Bismarck zu reden, nach einem Simile zu arbeiten, denndiplomatische Situationen gleichen sich nie vollständig. Die Umstände, diein Frage kommenden Persönbchkeiten, die Stimmungen und Strömungensind immer verschieden. Der Polizeipräsident, der eine Verordnung für denMarktverkehr ausarbeitet, mag nach einem Simile greifen. Wer Pobtiktreiben will, muß eigene Gedanken haben. Schon Kiderlen war in den Fehlerverfallen, mit dem Panthersprung nach Agadir die Pobtik nachahmen zuwollen, mit der ich durch den Kaiserbesuch in Tanger den damals für unsund den Weltfrieden gefährbchsten Gegner, Delcasse , für viele Jahremattsetzte. Mit Tanger erreichte ich diesen Zweck. Agadir mißlang. Esgbch jenem Vorgang, der sich gelegentbch bei Feuerwerken ereignet: Stattgerade in die Luft zu steigen, fährt die Rakete den Umstehenden zwischendie Berne und richtet Verwirrung und Schaden an. Noch weit verfehlter alsder Kiderlensche Panthersprung war der Gedanke Bethmanns, mit seinerUltimatumspobtik meine Behandlung der bosnischen Krise zu imitieren.Bethmann woUte endbch einmal auch einen politischen Erfolg haben. WieSasonow im April 1914 mit Recht an den russischen Botschafter in Rom geschrieben hatte, lagen aber die Verhältnisse 1914 total anders als 1908,sechs Jahre früher. Rußland war 1908 durch eine Reihe von vertraulichenNoten und Verabredungen gebunden, insbesondere durch einen Brief seinesMinisters des Auswärtigen, Iswolski , der eine nicht wegzuleugnende Invitean Österreich enthielt. 1908 hatte ich Osterreich fest in der Hand und warsicher, daß es die ihm von mir gezogene Grenze nicht überschreiten würde.Ich verlor weder die Fühlung mit Rußland noch auch die mit Itaben. Ummich französisch auszudrücken: Je jouais sur le velours. 1914 hatte Beth-mann keine anderen Atouts in seinem diplomatischen Spiel als die durchdie Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand erweckte Entrüstung, diesich verflüchtigte, als die eigentbchen Motive und wahren Ziele derBerchtold und Conrad von Hötzendorf zutage traten und damit dieMöglichkeit eines Weltbrandes. Si duo faciunt idem, non est idem. Das giltnamentlich für die Pobtik, wo alles fließt.
Ich weiß wohl, daß die Meinung weit verbreitet ist, der Weltkrieg würde,auch wenn er 1914 vermieden worden wäre, 1915 oder 1916 doch gekommensein. Der Weltkrieg wäre ein unentrinnbares Fatum gewesen. Ich halte