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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DAS MARNE -WUNDER

Stimmung brachte. Als die Lage an der französischen Front immerkritischer wurde, hätte Moltke selbst die drei Armeen des rechten Flügelsaufsuchen müssen, um sich de visu über den Stand der Dinge zu unter-richten und die Einheitlichkeit der Kampfhandlung sicherzustellen. Stattdessen entsandte er in der entscheidenden Stunde, am 8. September, einenAbteilungschef seines Stabes, den Oberstleutnant Hentsch, zu den dreiArmeen des rechten Flügels, legte die Entscheidung in dessen Hand, er-wähnte in seiner letzten mündlichen Instruktion an ihn die Möglichkeiteines Ausweichens, gab sogar Hinweise für die Richtung eines erforderlichwerdenden Rückzuges. Von allen Offizieren seines Stabes war Hentschderjenige, bei dem die angeborene Farbe der Entschließung am meistenvon des ängstlichen und schwankenden Gedankens Blässe angekränkeltwar. Gerade darum war er dem Chef sympathisch. Als Hentsch, dem dasSchicksal der Schlacht, des Feldzuges, der Armee, des Landes in die Handgegeben war, bei dem Oberkommando der zweiten Armee eine ungünstigeAuffassung der Lage vorfand, empfahl er deren Führer, dem General-feldmarschall von Bülow, Zurückgehen in nordöstlicher Richtung. Un-mittelbar nachher drängte er den Oberkommandierenden der ersten Armee,den Generaloberst v. Kluck, den er inzwischen aufgesucht hatte, gleich-falls zum Rückmarsch. Die Franzosen und Engländer fühlten sich so wenigals Sieger, daß sie den Rückzug der Deutschen nicht störten. Erst späterkonstruierten französische Ruhmredigkeit und französische GewandtheitdasMarne-Wunder",Le Miracle de la Marne", das Frankreich und, wiedie Franzosen behaupten, die ganze Welt vor deutscher Raubsucht undEroberungslust gerettet habe.

Wohl mußte den Franzosen , deren Regierung am 2. September, vier-Statt Molikes undvierzig Jahre nach dem Tage von Sedan, fluchtartig Paris verlassenFalkenhayn un( j i üren Sitz nach Bordeaux verlegt hatte, der plötzliche Rückzug derDeutschen wie ein Mirakel erscheinen. Wunderbar, verwunderlich undentsetzlich war aber vor allem, daß der Nachfolger von Moltke I undSchlieffen so gar nicht auf der Höhe seiner Vorgänger stand. Unter demDruck der auf ihm lastenden Verantwortung war er zusammengebrochen.Seinen kraftlosen Händen war im entscheidenden Augenblick die Führungentglitten. Truppe und Unterführer hatten gesiegt, die oberste Heeres-leitung hatte versagt. Moltke soll gehofft haben, daß die Zurücknahme desrechten Flügels nach einigen Tagen durch eine neue Offensive wettgemachtwerden könnte. Ich hörte, daß er mit der dritten, vierten und fünftenArmee die Vorwärtsbewegung wieder in Gang bringen wolle. Aber schonam 10. September wurde dieser Gedanke wieder aufgegeben, am 11. Sep-tember erschien ihm sogar das Ausharren dieser Armeen in ihren augen-blicklichen Stellungen untunlich, und auch für sie wurde der Rückzug