MOLTKES SCHICKSAL
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angeordnet. Moltke hat mir später mit Tränen in den Augen erzählt, daßdie seelischen Schmerzen, die er in diesen Tagen, gleichzeitig körperlichleidend, durchgemacht hätte, „unsägliche" gewesen wären. Der Kaiser,an seinem langjährigen Freund irre geworden und nach seiner Art voneinem Extrem in das andere fallend, hatte ihm mit barschen Worten dieLeitung der Operationen entzogen und sie dem Kriegsminister Generalvon Falkenhayn übertragen. Nach außen sollte aber der Wechsel vor-läufig nicht bekanntwerden, um die Heimat nicht zu beunruhigen. Somußte, de facto völlig ausgeschaltet, Moltke doch pro forma an allenmilitärischen Beratungen teilnehmen, wurde aber weder gefragt nochgehört noch irgendwie beachtet. Stumm saß er neben seinem bisherigenRivalen und nunmehrigen Nachfolger. „Ich glaube nicht", äußerte Moltke später zu mir, „daß unter den Qualen der Hölle, von denen Dante in seinemInferno berichtet, auch nur eine an das seelische Martyrium heranreicht,das ich durchgemacht habe."
Die Heimat wurde von diesem Zusammenbruch stolzer Hoffnungenund gewaltiger militärischer Anstrengungen im Westen vorerst nicht be- Die Schlachtrührt, denn sie stand noch unter dem Eindruck des Sieges von Tannenberg, beiDas Städtchen Tannenberg, wo fünf Jahrhunderte früher das deutsche TannenbergVolk eine der schwersten Niederlagen seiner Geschichte erlitten hatte, warjetzt der Schauplatz eines der größten deutschen Siege aller Zeiten ge-worden. Der Cannae -Gedanke, den Moltke im Westen zu realisieren ver-suchte, aber nicht vermochte, war hier mit höchster Kühnheit und zugleichmit genialer Sicherheit verwirklicht worden. Neunzigtausend Russenwaren gefangen, noch mehr erlagen dem deutschen Feuer oder ertrankenin den Masurischen Seen. Und als die Nebel, die über den Masurischen Seenlagerten, sich verzogen hatten, erkannte das Volk in dem Sieger derSchlacht den General von Hindenburg , einen seiner Großen. Deutschbis in die Knochen. Deutsch auch in seiner äußeren Erscheinung, der Mannmit den breiten Schultern, dem schweren, festen Gang, den großen,gütigen Augen, der vollkommenen Natürlichkeit, verbunden mit nichtgewollter, nicht beabsichtigter, in seinem Wesen hegender und von seinemWesen ausgehender Würde. Streng, wo es nottat, aber immer menschlichund gütig, nie eitel, nie persönlich, nie kleinlich. Groß vor allem durch diesittliche Stärke, die den hervorstechendsten Zug seines Wesens bildet, ver-körpert der Generalfeldmarschall von Hindenburg alle guten und herrlichenEigenschaften des deutschen Volkes und insbesondere der preußischenArmee. So steht er in unserer Geschichte als ein ganz Großer. Seine Größezeigte sich auch in seinem Verhältnis zu seinem Generalstabschef, demGeneral Ludendorff. Die vollkommene Neidlosigkeit, mit der Hindenburg den genialen, aber oft stürmischen, nicht immer bequemen Ludendorff