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DER SPEISESAAL IN FIUGGI
Es war verhängnisvoll, daß sowohl Österreich-Ungarn wie Deutschland vor Beginn des Weltkrieges in Rom schlecht vertreten waren. Herr vonMerey hatte sich durch sein kassantes Wesen, seine kaum verhüllte Ab-neigung und Gereiztheit gegen das neue Italien , seine beständigen Quen-geleien und Nadelstiche allgemein verhaßt gemacht. Sein persönliches Ver-hältnis zu dem weltmännischen, kulanten San Giuliano war allmählich sogespannt geworden, daß beide sich kaum noch sahen und der italienischeMinister erwog, ob er die gesellschaftlichen Beziehungen zu dem Vertreterder habsburgischen Monarchie nicht besser ganz einstellen solle.
Der deutsche Botschafter Flotow war zu furchtsam, um aggressiv oderFlotow und gar beleidigend aufzutreten. Dafür hatte er sich weder politisch noch sozialBarrere eme Stellung gemacht. Mit einer Vollblutrussin verheiratet, die kaumDeutsch sprach und in ihrem Salon eine große, übrigens schöne BronzebüsteIwans des Schrecklichen aufstellte, die von biederen deutschen Besuchernfür das Konterfei des Alarich, Theoderich oder eines anderen Helden dergermanischen Völkerwanderung gehalten wurde, war der deutsche Bot-schafter gesellschaftlich eine halbkomische Figur geworden, ohne poütischenEinfluß. Dazu kam, daß Flotow, der von jeher ein Malade imaginaire war,sich nicht entschließen konnte, in der Sommerhitze in Rom auszuharren,wie dies 1914 die drei Entente-Botschafter Barrere, Sir Rennel Roddund Krupenski als Selbstverständlichkeit betrachteten, sondern nachdem ziemlich weit von Rom entfernten Badeort Fiuggi geflüchtet war.Gegenüber seinem Busenfreunde Jagow und dem Kanzler Bethmannhatte Flotow dies damit motiviert, daß er in Fiuggi die beste Gelegen-heit habe, San Giuliano zu sprechen. Die Sache lag gerade umgekehrt.Der wirklich kränkliche, ja schwerkranke San Giuliano brachte aufärztlichen Rat zu seiner Erholung die Nächte in Fiuggi zu, wollte aberdort von neun Uhr abends bis sieben Uhr morgens nicht gestört werden.Jeden Abend versuchte Flotow sich an den für den Minister im Speisesaalreservierten Tisch heranzuschlängeln, wurde aber zur Belustigung allerBadegäste von San Giuliano regelmäßig abgewiesen mit der Bemerkung,er stünde in Rom den ganzen Tag zur Verfügung aller Diplomaten, wolleaber in Fiuggi während der Abend- und Nachtstunden in Ruhe gelassenwerden. Während Flotow sich nicht einmal dazu entschließen konnte,in Rom dem Begräbnis des Anfang Oktober verstorbenen San Giulianobeizuwohnen, verließ sein gefährlichster Gegenspieler, der FranzoseBarrere, Rom auch nicht eine Stunde, machte den ganzen Tag Besuche,bearbeitete Senatoren, Deputierte, Minister und Journalisten. Obgleich in-folge eines Automobil-Unfalls körperlieh schwer leidend, wohnte Barrereder Beisetzung von San Giuliano bei. Er wurde während der Trauermesseohnmächtig, aber er tat seine Pflicht.