DER WINK ITALIENS
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aushielten. Ewig wird die Erinnerung fortleben an die Begeisterung, mitder an der Yser und bei Ypern die jungen Korps, meist Studenten,zum Teil Gymnasiasten, mit dem Gesang der Wacht am Rhein unddes Deutschlandliedes stürmend dem Tode entgegengingen und mitihren jungen Leibern die blutgedüngte Walstatt deckten. An diesemTeil der belgischen Nordseeküste, an die jetzt kein Deutscher ohneWehmut denken kann, hatte ich, wie ich seinerzeit erzählt habe, im Hoch-sommer 1889, ein Vierteljahrhundert vor den Schlachten an der Yserund bei Ypern , in dem kleinen Nordseebad Nieuport schöne Wochenmit meiner Frau verlebt, nicht ahnend, daß hier einst die Blüte unseresVolkes verbluten sollte.
Zu den schweren Fehlern, die sich unsere politische Leitung im Hoch-sommer 1914 zuschulden kommen ließ, gehört auch ihre Taktik gegenüber ItalienItalien . An diesem Mikrokosmus läßt sich nur zu deutüch die Zerfahrenheitund Unbeholfenheit, die Schwäche und Unbesonnenheit, die aus Perfidie Mlttelm 'und Naivität seltsam gemischte Unzulänglichkeit der deutschen Diplomatievon 1914 nachweisen, die unser tüchtiges und friedliebendes Volk in denKrieg hineinstolpern und uns den Krieg verHeren ließ. Wie aus den von denBolschewisten veröffentlichten Geheimberichten hervorgeht, wurde nochEnde Mai 1914 bei den Beratungen des russischen Admiralstabes über dieabzuschließende russisch -englische Marinekonvention von russischer Seitean die Engländer die Forderung gestellt, daß sie, um einen österreichisch-italienischen Angriff auf das Schwarze Meer zu verhindern, den russischen Schiffen die englischen Flottenstützpunkte zur Verfügung stellen müßten.Damals rechneten Russen wie Engländer noch damit, daß Italien imKriegsfall an der Seite der Mittelmächte bleiben werde. Als das Gewitterdes Ultimatums am Horizont aufstieg, erklärte am 14. Juli 1914 deritalienische Minister des Äußern, der Marquis San Giuliano, dessenpolitische Ambitionen von jeher auf die Ausbreitung des italienischen Ein-flusses im Mittelmeer und insbesondere an der nordafrikanischen Küstegerichtet waren und der deshalb bis dahin ein Anhänger des Dreibundesund auch korrekter Beziehungen zwischen Italien und Österreich gewesenwar, in einer Unterredung mit dem deutschen Botschafter Flotow, Italien könne exorbitante österreichisch-ungarische Forderungen an Serbien nichtunterstützen.
Drei Tage später wiederholte der Minister dem deutschen Botschafter,Italien werde Österreich territoriale Eroberungen in Serbien nicht er-lauben. Statt sich diesen zweifellos auch an die Wiener Adresse gerich-teten Wink zur Warnung dienen zu lassen, empfahl der österreichisch-ungarische Botschafter in Rom, Herr von Merey, dem Grafen Berchtold ,die italienische Regierung mit der Aktion gegen Serbien zu „überrumpeln".