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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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ZUOBERFLÄCHLICHER" KENNTNIS

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Es stellte sich bald heraus, daß eine Kooperation zwischen Italien undden Zentralmächten nur möglich war, wenn Österreich den Italienern Kom- Die Fragepensationen bot. Ich glaube noch heute, daß es bei Beginn des Krieges mit t * er Kompen-solchen Kompensationen möglich gewesen wäre, Italien zum Vorgehen auf sa l0nenunserer Seite zu bewegen. Unser militärisches Prestige war vor dem Marne -Rückzug gewaltig. Ein großer Teil der maßgebenden Italiener stand mitihren Sympathien auf deutscher Seite. Wenn Österreich den Italienerndamals die Abtretung des Trentino und die Autonomie von Triest zuge-standen hätte und wenn wir ihnen gleichzeitig Tunis und Nizza in Aussichtstellten, so hätten wir Italien mitbekommen. Das publizistische Organ vonSidney Sonnino, der später Italien ins Entente-Lager führte, fordertedamals täglich mit stürmischer Heftigkeit, daß Italien an der Seite vonDeutschland in den Krieg treten müsse, um seine Zukunft zu sichern. DerFlorentiner Sonnino mag an den Rat des großen Segretario seiner Heimat-stadt gedacht haben, sich immer an den Stärkeren zu halten, denn dortfinde man Ruhm, Ehre, Geld und alle guten Dinge dieser Welt. Damals hieltman uns noch für den Starken, für den Stärkeren. Bethmann machte einenschwächlichen Versuch, den Grafen Berchtold zu einer zuvorkommenderenHaltung gegenüber Italien zu bewegen, wurde aber von diesem hochmütigabgewiesen, obwohl wir durch unsere weitere Behandlung der österreichi-schen Aktion gegen Serbien das denkbar stärkste diplomatische Druck-mittel in der Hand hatten. Berchtold wies den österreichischen Botschafterin Rom an, der italienischen Regierung nuroberflächliche" Kenntnis vonden an Serbien gestellten Forderungen zu geben, ohne Bekanntgabe dereinzelnen Punkte. Merey entledigte sich dieses Auftrages in salopper, bei-nahe beleidigender Form. Der italienische Gegenzug war, daß der italie-nische Ministerpräsident und der italienische Minister des Äußern erklärten,sie mißbilligten das österreichische Vorgehen und behielten sich freie Handvor. Während diese Erklärung schon in nuce die spätere Neutralitäts-erklärung und die nachfolgende Kriegserklärung Italiens an Österreich ent-hielt, glaubten die Berliner besonders schlau zu handeln, indem sie Öster-reich, das doch in seiner Aktion gegen Serbien völlig von uns abbing, gegen-über Italien freie Hand ließen.

Inzwischen hatte der Generalsekretär im italienischen Ministerium desÄußern De Martino dem französischen Botschafter gesagt, die italienischeRegierung würde die österreichische Note an Serbien nicht gebilligt haben,wenn sie ihr vorher mitgeteilt worden wäre. Gleichzeitig erklärte De Mar-tino dem Botschafter Merey, Italien sei in keiner Hinsicht gebunden, da esvon der österreichischen Aktion gegen Serbien nicht vorher unterrichtetworden sei. Durch diese Erklärung nicht belehrt, riet Merey seiner Regie-rung, alle italienischen Kompensationsansprüche a limine abzulehnen.