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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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ITALIEN ENTZIEHT SICH

Unter dem Einfluß von Moltke, der eine Verständigung Österreich -Ungarnsmit Italien aus militärischen Rücksichten für dringend wünschenswert hielt,fand Bethmann am 26. Juli den Mut zu einem Telegramm nach Wien , be-ruhigte sich aber bald, als Berchtold ihn kühl und hochmütig abfallen Heß.Der Staatssekretär Jagow, noch austrophiler als sein Chef, erklärte demösterreichischen Botschafter Szögyenyi, Berchtold habe eigentlich ganzrecht, den italienischen Forderungen gegenüber die kalte Schulter zu zeigen.

Am29. Juli eröffnete San Giuliano dem österreichischen wie dem deutschenBotschafter, daß, wenn Österreich sich nicht sehr bald zu Kompensationenan Italien entschließe, sein Vorgehen Italiens Interessen verletzen und deritalienischen Regierung die Unterstützung Wiens unmöglich machen würde.Mit kaltblütiger Offenheit, mit einerDesinvoltura", die den Beifall desMacchiavelli gefunden hätte, fügte San Giuliano hinzu, Italien könne sichnur von seinen Interessen leiten lassen. Das hätte sich Wien und hätte sichnamentlich Berlin von vornherein sagen müssen. Anders hatte sich dieitalienische Regierung auch während des Deutsch -Französischen Kriegesnicht verhalten, wo sie, unbekümmert um früher gegen Frankreich ein-gegangene Verpflichtungen, die Franzosen im Stiche Heß, als das itaüenischeInteresse, das damals die Krönung der italienischen Einheit durch die Be-sitzergreifung Roms bot, diese Schwenkung empfahl.Pour un diplomate,il est fort important de savoir retirer ä temps son epingle du jeu", pflegteder kluge Marquis Emiüo Visconti-Venosta zu sagen. Und Bismarck hat es,wie ich schon früher erwähnt habe, als die Pflicht eines leitenden Ministersbezeichnet, sich in tunlichst guter Form den Verpflichtungen eines Bünd-nisses zu entziehen, wenn durch deren Erfüllung das eigene Staatsinteressegeschädigt würde.

An demselben 29. Juli sagte der Privatsekretär Greys, Mr. Tyrrell,warnend dem deutschen Botschafter Lichnowsky, Italien werde sich imFalle einer Ausdehnung des Konfliktes zwischen Österreich-Ungarn undSerbien vom Dreibund abwenden. Vierundzwanzig Stunden später rietder österreichische Botschafter Merey, von Berchtold um seine Ansicht be-fragt, seinem Chef dringend ab, sich auf irgendwelche italienischen Kom-pensationswünsche einzulassen. Direkte Telegramme des Kaisers Wilhelmnach Wien und Rom , in denen er gleichzeitig an die Bundestreue des KönigsViktor Emanuel appellierte und dem alten Kaiser Franz Josef Entgegen-kommen gegenüber den Wünschen Italiens anriet, blieben ohne Erfolg.Persönliche Kundgebungen des Kaisers Wilhelm II. waren seit sechsund-zwanzig Jahren zu häufig bald in dieser, bald in jener Richtung erfolgt, umnoch wirken zu können. Unbeeindruckt durch das kaiserliche Eingreifen,erklärte San Giuliano dem Botschafter Flotow, Italien könne den Bündnis-fall nicht anerkennen, da das Vorgehen Österreichs gegen Serbien ein