GEMISCHTE EMPFINDUNGEN
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im Falle Ihrer Annahme Ihnen dankhar sein, wenn Sie zu einer persönlichenBücksprache während meines kurzen hiesigen Aufenthaltes nach Berlin kommen würden. Da ich während der nächsten zwei Tage fast ganz durchden Beichstag in Anspruch genommen bin, darf ich mir einen Vorschlagüber den Tag unserer Besprechung noch vorbehalten. Heute möchte ich nureines hervorheben: Es ist bereits der Gedanke aufgetaucht, den Krieg durcheine Konferenz zu beenden. Sowohl uns wie unseren österreichischen Ver-bündeten wäre hiermit, wie Sie selbst am besten erkennen werden, weniggedient. Es wird Ihnen jedenfalls ein leichtes sein, dem Konferenzgedanken,wenn er in Born Fuß fassen sollte, a limine vorzubeugen. Aber auch hierfürmöchte ich mir noch mündlichen Gedankenaustausch vorbehalten. In deraufrichtigen Hoffnung, verehrter Fürst, daß Sie mich keine Fehlbitte tunlassen, sondern bereit sind, dem Vaterland in schwerer Zeit einen großenDienst zu leisten, bin ich in alter Verehrung Euer Durchlaucht stets er-gebenster von Bethmann Hollweg."
Ich las diese gewundenen und unaufrichtigen Ausführungen meinesNachfolgers mit gemischten Empfindungen. Zu deutlich sprach für den,der zwischen den Zeilen zu lesen verstand, aus diesem Brief, wie ungern der* Kanzler mich nach Bom schickte, wie er vor allem bestrebt war, den Busen-freund des Staatssekretärs Jagow, den von ihm selbst hochgeschätztenbisherigen Botschafter Flotow zu schonen. Ich sah voraus, daß bei solcherStimmung der Berkner Zentrale ich in Bom einen schweren Stand habenwürde. Nichtsdestoweniger zögerte ich keinen Augenblick, mich zur Ver-fügung zu stellen. Mehr als das. Auch meinen guten Namen, wie der mirwohlgesinnte König Ludwig III. von Bayern damals zum Grafen Hertlingsagte. Ich gedachte anfänglich, Bethmann bei Annahme der Mission schrift-hch darüber aufzuklären, daß ich mir der Schwierigkeit der Situation inBom wie der Undankbarkeit meiner Aufgabe klar bewußt sei.
Mein für den Kanzler bestimmter Brief lautete: „Selbstverständlich folgeich dem an mich gerichteten Buf, die Leitung der Botschaft in Bom zu Antwortübernehmen. Daß ich schon vor einundzwanzig Jahren in Bom als Bot- Bülowsschafter wirkte, seitdem während zwölf Jahren unsere auswärtige Politikleitete und neun Jahre Beichskanzler war, fällt für mich in keiner Weiseins Gewicht. Persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Ambitionen liegenmir fern. Ich zögere um so weniger, als nach allem, was ich aus Itaben, undzwar von sicherer Seite, höre, wir dort in den letzten zwei Jahren sehr anBoden verloren haben. Die Wahl von Flotow war keine glückliche. Ichdarf dies um so offener aussprechen, als ich und meine Frau uns bemühthaben, ihm eine freundbehe Aufnahme in Bom zu bereiten und seine Auf-gabe zu erleichtern. Er hat es nicht verstanden, die wünschenswerten Ver-bindungen anzuknüpfen, Einfluß zu gewinnen und sich eine Stellung zu
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