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DAS OPFER
nicht dem Fürsten Bülow allein zumesse. Jedenfalls wären die Konserva-tiven zu gute Patrioten, als daß sie sich in Lehensfragen der auswärtigenPolitik von innerpoütischen Rankünen leiten Ließen: Die Konservativenwünschten lebhaft und einmütig, daß die Regierung mich nach Rom schicken möge. Jagow schwieg betreten. Auch der Versuch, den Groll desKaisers neu gegen mich zu beleben und dadurch meine Entsendung nachRom unmöglich zu machen, hatte keinen Erfolg.
Von Parlamentariern und Militärs, von allen Seiten scharf getrieben,Brief entschloß sich Bethmann nach langem Zögern, am 30. November 1914Bethmanns d en nachstehenden Brief an mich nach Hamburg zu richten, wo ich imHotel Atlantic weilte: „Als wir kurz nach Ausbruch des Krieges die Ver-hältnisse in Italien miteinander besprachen, erklärten Sie sich im Prinzipbereit, nach Rom zu gehen und Ihren Einfluß dort zur Geltung zu bringen,sobald sich eine Gelegenheit zu einer besonderen Mission bieten würde.Diese Gelegenheit hat sich jetzt geboten. Unser Botschafter, dessen, wieSie wissen, an sich nicht starke Gesundheit unter den Aufregungen undAnstrengungen dieses Sommers noch mehr gelitten hat, hat mir geschrieben,er müsse mir pflichtgemäß mitteilen, daß die Ärzte zur Wiederherstellungseiner Kräfte dringend von ihm verlangt hätten, Rom für einige Monatezu verlassen und sich auszuruhen. Ich sehe selbst ein, daß, so gut Herr vonFlotow unsere Interessen in Italien bisher vertreten hat, demselben miteiner Ablehnung dieses Gesuches wenig gedient wäre, denn auch das besteWollen und die besten Fähigkeiten würden durch dasVersagen der physischenKräfte paralysiert werden. Bei der Bedeutung des römischen Postens imjetzigen Moment könnte natürlich nur eine besonders geeignete Persönlich-keit für die Vertretung unserer dortigen Interessen in Frage kommen. DaßSie, mein lieber Fürst, infolge Ihrer Stellung in der Welt, Ihrer Lokal-kenntnisse und langjährigen Beziehungen diese Persönlichkeit sein würden,brauche ich nicht hervorzuheben. Da ich nun von verschiedenen Seitenhöre, daß Sie auch jetzt noch bereit wären, in patriotischer Hingebung eineMission in Italien zu übernehmen, möchte ich nach Einholung der Genehmi-gung Seiner Majestät des Kaisers die Bitte an Sie richten, als außerordent-licher Botschafter nach Rom zu gehen und die Geschäfte unserer dortigenBotschaft ad interim zu übernehmen. Ich hoffe, daß, abgesehen von derArbeit und Mühe, die eine solche Mission auferlegt, das von Ihnen und derFrau Fürstin zu bringende Opfer im jetzigen Moment auch insofern eingeringeres sein wird, als ja die Jahreszeit gekommen ist, wo Sie in anderenJahren und unter normalen Verhältnissen Ihren Wohnsitz in der schönenVilla Malta zu nehmen pflegen. Was von Italien überhaupt noch zu er-reichen ist, werden Sie jedenfalls erreichen! Darf ich Sie bitten, lieber Fürst,mir telegraphisch Ihre Entscheidung mitteilen zu wollen? Ich würde dann