DER ERKRANKTE HELLMUTH MOLTKE
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sagen, ihre gemeinsame Großmutter, die Königin Victoria , hätte sich sicherim Grabe umgedreht, als ihr englischer Enkel ihrem deutschen Enkel denFehdehandschuh hingeworfen habe.
Es berührte mich schmerzlich, daß selbst die bitteren Lehren der erstenKriegsmonate WUhelm II. nicht zu sachlicher und nüchterner Beurteilungder Ereignisse hatten bringen können. Als ich darauf hinwies, daß die eng-lische Politik, namentlich seit der Thronbesteigung des Königs Georg V. ,von den Ministern mit dem Parlament gemacht würde, sah mich der Kaisereinen Augenblick gereizt an, meinte aber dann, wieder mit freundlichemAusdruck und indem er mich unter den Arm faßte, jetzt wollten wir zuseiner Frau gehen, die sehr wünsche, mich wiederzusehen. Nichts konntefriedücher sein als die Stimmung, in der wir drei einige Minuten später umden Teetisch der Kaiserin saßen, von der eine Atmosphäre der Güte undder Behaglichkeit ausging, die alle Dissonanzen verscheuchte.
Einige Tage vor meiner Audienz bei Seiner Majestät hatte ich denGeneralobersten von Mol tke aufgesucht. Er war aus dem Schloß in Horn- Bei Molikebürg v. d. H. in das Generalstabsgebäude übergesiedelt, den „rotenKasten" am Königsplatz, gegenüber der Siegessäule, das Haus, an das sichso große Traditionen knüpfen, ein Haus, an dem ich heute nicht ohnemelancholische Erinnerungen an eine bessere, eine glückliche und stolzeVergangenheit vorbeigehen kann. Ich fand Moltke im Bett. Er sah krankaus, bleicher als sein Bettuch. Mit melancholischem Lächeln winkte ermir zu: „Erinnern Sie sich noch, als wir zusammen um den Wasserturm amHippodrom ritten? Ich hatte doch recht, als ich den Posten nicht an-nehmen wollte." Im übrigen kam aus seinem Munde kein Wort weder derpersönlichen Rechtfertigung noch der Anklage gegen andere, sondern nurÄußerungen seiner Besorgnisse für die Zukunft, für das Schicksal des Vater-landes, seiner heißen Liebe für das Vaterland. Er gab dem lebhaften WunscheAusdruck, daß ich an die Stelle von Bethmann treten möge, der zumSteuermann des Reichsschiffes in diesem Weltsturm in keiner Weise ge-eignet sei.
Als ich das Schlafzimmer Moltkes verließ, erwartete mich vor der Türseine Frau. Sie entstammte der dänisch -schwedischen Linie der FamilieMoltke. Sie war eine hübsche, begabte, ihrem Gatten treu ergebene Frau,hatte sich aber leider mit spiritistischem und theosophischem Unfug ab-gegeben und damit auch ihren Mann angesteckt, der ohnehin zu Mysti-zismus neigte. Eliza von Moltke, Lizzie, wie sie in der Familie genanntwurde, zitterte vor Erregung über das Schicksal ihres Mannes, vor Ent-rüstung über diejenigen, denen sie die Schuld an seinem Zusammenbruchzuschob. Der Kaiser habe ihrem Gatten die Leitung der Operationen in demAugenblick entzogen, wo er im Begriffe stand, auf dem westlichen Kriegs-