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Schauplatz alles wieder in Ordnung zu bringen und zum Guten zu wenden.Der Kaiser und Falkenhayn hätten auch nicht auf die Ratschläge gehört,die ihnen Moltke für die Verproviantierung des Landes gegeben habe. DieseKlage war nicht unbegründet. Moltke hatte mit Clemens Delbrück zu den-jenigen gehört, die schon früh erkannten, daß wir beizeiten gegen die unsdrohende Hungerblockade Vorsorge treffen mußten.
Schon vor diesem Besuch hatte ich mit Moltke Briefe gewechselt. IchMoltke über hatte dem alten Freund, dessen hartes Schicksal mir naheging, Worte derden Krieg Teilnahme und Sympathie geschrieben. Ich gebe seine Antwort wieder:„Euer Durchlaucht haben mir mit Ihren freundlichen und, wie ich wohlsagen darf, freundschaftlichen Zeilen vom 24. d. M. eine sehr große Freudegemacht. Nicht das, was Euer Durchlaucht über unsern Aufmarsch sagen,ist es, denn dafür gebührt die Anerkennung nicht einem einzelnen, sie ge-bührt der Gesamtarbeit des Generalstabs, der Pflichterfüllung und Arbeitaller Offiziere, die an dem gewaltigen Werk des Aufmarsches eines Millio-nenheercs beteiligt waren, in erster Linie den über alles Lob erhabenenLeistungen der Eisenbahnabteilung. Die Siege, die dem Aufmarsch folgten,sind aber das Verdienst der todesmutigen Tapferkeit unserer Soldaten undihrer Führer vom ersten bis zum letzten Mann. Es ist unser Volk selbst,das Volk in Waffen, das diese Siege mit Hingabe seines Herzblutes errungenhat, ihm gebührt die Ehre. Und nicht nur das Volk in Waffen, auch dieGesamtheit der Nation, die tapfer und zu jedem Opfer bereit hinter demHeere steht, hat ihren Anteil an dem bisher Errungenen. Sie ist es, aus derdas Heer sich immer neue Kraft holt, mit der es innig verbunden ist mitMillionen Fäden, die ihren Geist, ihre hochgemute Gesinnung in einemimmer belebenden Strom dauernd in das Heer einfließen läßt und ihmStärke verleiht. Das ganze deutsche Volk führt diesen Kampf um dasHeiügste, Avas es hat, um seine nationale Selbständigkeit, um den Schutzdes Vaterlandes vor Vergewaltigung und Vernichtung. Und in diesemgroßen Volksganzen von siebzig Millionen lebt das Bewußtsein, daß es denKampf nicht nur im eigenen, sondern im Interesse der gesamten Mensch-heit führt, daß es gilt, für diese das deutsche Geistesleben zu erhalten, dasallein die Gewähr bietet, die Menschheit weiter zu führen auf dem Wegegeistiger Kultur. Man müßte an jeder Weiterentwicklung verzweifeln, wenndiese höchsten Güter von russischer Barbarei, von englischem Materialis-mus überwältigt und vernichtet werden sollten. Daher bin ich mit Ihnender gewissen Zuversicht, daß unser Volk unbesiegbar ist und sein muß. Wieich Ihre Worte las über die mangelhafte diplomatische Vorbereitung diesesKrieges, mußte ich an so manche Unterhaltung denken, die wir in früherenZeiten gehabt haben. Seit Euer Durchlaucht die diplomatische Leitungniedergelegt haben, hat nur ein Gedanke dieselbe beherrscht: Erhaltung